Europäische Aktien „US-Strafzölle auf deutsche Autoimporte sind unwahrscheinlich“

 Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Großbritanniens Premierministerin Theresa May hat einen harten Brexit angekündigt. Was heißt das für die europäische Wirtschaft und europäische Aktien?

Felix Herrmann: Großbritannien ist einer der wichtigsten Absatzmärkte Kontinentaleuropas. Auch Deutschland exportiert in großem Stil Produkte und Dienstleistungen auf die britische Insel. Sollte der Export nach Großbritannien durch einen harten Brexit erschwert werden, würde dies sicherlich einige deutsche – aber auch andere europäische – exportlastige Unternehmen durchaus empfindlich treffen. Ersten Studien zufolge würden deutsche Exporteure im Falle eines harten Brexits zwischen 2017 und 2019 bis zu 7 Milliarden Euro einbüßen. Viel Geld – aber eine Katastrophe sieht anders aus.

Welche Branchen wären besonders betroffen?

Herrmann: Zu den gefährdeten Branchen gehören neben der Chemieindustrie vor allem die deutschen Automobilbauer. Rund jedes fünfte in Deutschland gebaute Auto ist für den Export nach Großbritannien bestimmt. Dramatische Kursverluste aufgrund eines harten Brexits erwarte ich aber auch bei diesen Branchen nicht.

In den USA hat Trump die Präsidentschaft übernommen und ist mit viel Dynamik gestartet. Inwiefern wird seine Politik europäische Unternehmen betreffen?

Herrmann: Die protektionistische Agenda Trumps stellt eine Drohkulisse für die sehr exportlastige europäische Wirtschaft dar. Genau wie Großbritannien fahren auch die USA ein großes Leistungsbilanzdefizit mit Europa, das im Rahmen von Trumps „America-first“-Kampagne dem neuen Präsidenten ein Dorn im Auge werden könnte. Strafzölle auf beispielsweise deutsche Autoimporte halte ich jedoch aus heutiger Sicht für nicht allzu wahrscheinlich. Die USA sind Mitglied der Welthandelsorganisation WTO. Sie müssen sich grundsätzlich an deren Regeln halten und können nicht ohne weiteres Strafzölle verhängen.

Kann man dem neuen Präsidenten auch Positives abgewinnen?

Herrmann: Es ist tatsächlich möglich, dass sich Trump letztlich als positiv für Europas Unternehmen entpuppt. Das Mehr an Wachstum und Inflation, das wir unter Trump erwarten, ist auch und gerade für europäische Unternehmen von Vorteil. Aufgrund ihrer relativ starken Exportorientierung profitieren sie, wenn sich das Nominalwachstum in der Welt beschleunigt. Der schwache Euro, der sich aus der wachsenden Zinsdifferenz zwischen den USA und der Eurozone ergibt, liefert zusätzlichen Rückenwind, da er europäische Unternehmen wettbewerbsfähiger werden lässt.

Politische Themen scheinen immer noch im Vordergrund zu stehen. Welche Rolle wird die wirtschaftliche Entwicklung in Europa für die Aktienmärkte 2017 haben?

Herrmann: Politische Themen dominieren die Schlagzeilen und werden wohl auch immer wieder für starke Ausschläge an den Märkten sorgen. Diese dürften aber kurzfristiger Natur sein. Den grundlegenden Trend an den Finanzmärkten wird in diesem Jahr aller Voraussicht nach nicht die Politik, sondern die fundamentale wirtschaftliche Entwicklung bestimmen. Das könnte sich allerdings ändern, wenn wir dramatische Überraschungen mit weitreichenden Konsequenzen bei den Wahlen in Frankreich oder Deutschland erleben. Die Wahrscheinlichkeit für derartige Szenarien stufen wir jedoch als sehr gering ein. Das letzte Jahr hat aber eine gewisse Demut in Bezug auf derartige Prognosen gelehrt.

BlackRock hat die Gewichtung europäischer Aktien von untergewichtet auch neutral hochgestuft. Was waren hierfür die Hauptgründe?

Herrmann: 2016 waren europäische Aktien äußerst unbeliebt. Die schlechte Stimmung und die Abflüsse dürften ihren Höhepunkt aber überschritten haben. Zudem sollten europäische Aktien besonders von der globalen Erholung und der anziehenden Inflation profitieren. Die Unternehmen machen die Hälfte ihres Umsatzes außerhalb des Kontinents. In der Vergangenheit hat ein Prozentpunkt reales Weltwirtschaftswachstum die Gewinne europäischer Unternehmen um etwa 10 Prozent wachsen lassen.

Und wie sieht es bei der Bewertung aus?

Herrmann: Die Aktien sind nicht unbedingt günstig, aber auch nicht zu teuer. Gerade die hohen Bewertungen von einigen zyklischen Titeln relativieren sich sehr schnell angesichts des niedrigen Zinsniveaus. Wir denken, die Qualität der Unternehmensgewinne wird sich in diesem Jahr verbessern. Zudem sehen wir anders als bei US-Aktien noch Potenzial für steigende Bewertungen. Gut möglich jedoch, dass sich dieses Potenzial erst nach dem Wahlsieg eines gemäßigten Kandidaten in Frankreich entfalten kann.

Welche Sektoren dürften 2017 in Europa besonders profitieren?

Herrmann: Wir erwarten eine Fortsetzung der Sektorrotation, die bereits 2016 begonnen hat. Zyklische Branchen sollten in diesem Jahr zu den Gewinnern gehören. Hierzu zählen neben der Chemie- und der Maschinenbaubranche unter anderem auch Banken. Defensive Titel, deren Geschäftsmodelle stabile und eher konjunkturunabhängige Cashflows versprechen, dürften hingegen unter dem erwarteten Zinsanstieg leiden. Telekommunikations-Unternehmen sind hier ein Beispiel. In Europa erwarten wir zudem vor allem eine relativ stärkere Wertentwicklung großer internationaler Unternehmen, die von der Schwäche des Euros profitieren.