Europäische Aktienfonds „Defensive Sektoren bieten nur vermeintliche Sicherheit“

Philippe Brugère-Trélat, Fondsmanager des Franklin Mutual European Fund

Philippe Brugère-Trélat, Fondsmanager des Franklin Mutual European Fund

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In konjunkturell unsicheren Phasen flüchten sich viele Aktieninvestoren in defensive Branchen. Mögen Sie solche Unternehmen auch?

Philippe Brugère-Trélat:
Eins ist zurzeit völlig klar. Die sogenannten defensiven Sektoren, wie Nahrungsmittel, Getränke, Haushaltsgüter oder Tabak bieten nur noch sehr wenig Value. Seit letztem Frühjahr haben sie von einer lebhaften Nachfrage vieler Aktieninvestoren profitiert. Diese wollen sich – getrieben von einer steigenden Marktvolatilität und zunehmenden Wachstumssorgen – in die vermeintliche Sicherheit dieser Sektoren retten. Defensive Aktien werden mittlerweile zu historisch hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen gehandelt. Und das zu einer Zeit, zu der das Gewinnwachstum durch sich eintrübende Endkundenmärkte und steigende Herstellungskosten gefährdet ist.

In welchen Sektoren finden Sie denn Titel für den Franklin Mutual European Fund?

Ich sehe mehr attraktives Value-Potenzial in Industriewerten, die von einem schwächeren Euro profitieren. Oder in Unternehmen, die stark an einer – selbst nur leichten – Verbesserung der regionalen Wirtschaft teilhaben. Wir investieren in Firmen, die darunter leiden, dass der Markt glaubt, der Russland-Ukraine-Konflikt lasse sich nicht lösen und arte in einem neuen Kalten Krieg aus. Ebenso mag ich Unternehmen, die abgestraft wurden, da der Markt davon ausgeht, und das macht er zurzeit sicherlich, dass Europa für eine lange Zeit nicht mehr wachsen wird. Dieser Meinung bin ich nicht. Zu den Sektoren, in denen wir attraktive Anlagechancen finden, zählen zum Beispiel Immobilien, Hotels und Freizeit, Automobil oder Telekommunikation.

Und was halten Sie von Banken?

Europäische Banken finde ich aus einer Reihe von Gründen interessant. Erstens sind sie attraktiv bewertet. Wo sonst gibt es große globale Banken, die zu ihrem oder sogar unter ihrem materiellen Buchwert und im Durchschnitt zum 10-fachen des diesjährigen Gewinns gehandelt werden? Die Eigenkapitalrendite liegt über ihren Kapitalkosten. Das heißt, sie können selbst im aktuellen Marktumfeld Wert schaffen. Zweitens wird fälschlicherweise angenommen, dass europäische Banken den US-Banken bei der Eigenkapitaldecke und dem Schuldenabbau weit hinterherhinken. Das war vor zwei Jahren sicherlich noch so und gilt zum Teil auch heute noch. Ich glaube aber, dass Investoren die Bemühungen vieler Finanzinstitute im Großen und Ganzen unterschätzen. Europäische Banken haben seit Anfang 2013 über 70 Milliarden Euro Kapital aufgebracht, vor allem in diesem Jahr im Vorfeld des EZB-Stresstests.