„Eurosklerose zieht Realwirtschaft in den Abgrund“

Robert Vitye

Robert Vitye

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Die Eurosklerose hat weite Teile des Kontinents infiziert. Die Konjunktur ist nicht nur in Portugal und in Griechenland abgestürzt. Der Abschwung bedroht nun auch die EU-Kernstaaten. Wie stark die Realwirtschaft derzeit einbricht, verdeutlichen die Konjunkturindikatoren der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Besonders stark leiden neben Spanien und Italien auch Großbritannien und Frankreich.

Fallen bevölkerungsreiche EU-Mitglieder in eine Rezession, kann sich auch Deutschland dem Abschwung nicht entziehen. Zwar sind Produkte „Made in Germany“ derzeit in den aufstrebenden Schwellenländern stark gefragt. Nach wie vor gehen jedoch rund 40 Prozent aller deutschen Exporte in die EU-Nachbarstaaten. Die Bestellungen der dortigen Handelspartner sind merklich gesunken. Dieser Rückgang schlägt sich nun auch in der Statistik nieder: Endgültigen Berechnungen zufolge schrumpfte die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal 2011 um 0,2 Prozent. Für das erste Quartal 2012 wird möglicherweise ein weiteres Minus vermeldet. Gemäß offizieller Definition befände sich dann auch Deutschland in einer Rezession.

Nun wäre ein vorübergehender wirtschaftlicher Rückgang alleine nicht sonderlich besorgniserregend. In Verbindung mit der europäischen Schuldenkrise entfaltet die schwache Konjunktur jedoch eine gewaltige Sprengkraft. Wie der Umgang mit Griechenland zeigt, sollen sich überschuldete Staaten „gesundsparen“. Duch den wirtschaftlichen Niedergang brechen vielfach jedoch auch die Steuereinnahmen weg, was das Problem verschärft. Viele institutionelle Investoren haben den Staaten der Euro-Peripherie deshalb das Vertrauen entzogen. Sie kaufen deren Anleihen nicht mehr, was das Zinsniveau massiv steigen lässt. Auch die Solidität des Bankensystems wird neuerdings wieder infrage gestellt.      

EZB setzte ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel

Gegen Jahresende 2011 entschloss sich die Europäische Zentralbank (EZB) daher zu einem gewagten Manöver. Sie stellte den Geschäftsbanken 500 Milliarden Euro Liquidität für drei Jahre zur Verfügung. Die Kreditinstitute müssen dafür lediglich einen Mini-Zins von 1,0 Prozent pro Jahr bezahlen. Die Finanzwelt bejubelte den Schritt. Aktien- und Anleihemärkte erholten sich zu Jahresbeginn kräftig. Für die Stabilisierung zahlten die Währungshüter allerdings einen hohen Preis. Ihre Glaubwürdigkeit litt massiv, weil sie klammen Euro-Mitgliedern durch eine Hintertür aus der Patsche halfen. Geschäftsbanken aus den Mittelmeerländern nutzten das billige Zentralbankgeld nämlich, um bei den Januar-Auktionen neue Staatsbonds zu zeichnen. De facto wurde einer indirekten Staatsfinanzierung durch die Notenpresse der Weg bereitet.