Exklusiv-Interview mit Max Otte „Wir brauchen ein flexibles Euro-System”

Max Otte

Max Otte

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DAS INVESTMENT.com: Die Europäische Zentralbank hat im November vergangenen Jahres den Leitzins erneut gesenkt, auf ein Rekordtief von 0,25 Prozent. Hatten Sie das erwartet?

Max Otte:
Das war mir vollkommen wurscht.

DAS INVESTMENT.com: Warum?

Otte
: Weil das nichts ändert. Die Kreditinstitute können sich das Geld bei der Notenbank ja sowieso schon fast zum Nulltarif holen. Das ist ein rein psychologisches Signal. Die Aussage ist, dass die Notenbanken die Politik des billigen Geldes mit aller Macht weiter verfolgen werden, bis wir aus der Krise heraus sind.

DAS INVESTMENT.com: Das Geld landet bisher nicht bei den Unternehmen.

Otte:
Das ist das Schlimme. Das Geld versickert im Bankensystem. Das ändert sich auch durch die erneute Senkung nicht. Da muss man zu härteren Maßnahmen greifen, um Geld in den Umlauf zu bringen. Etwa durch den Aufkauf von schlechten Papieren, die die Banken noch in den Bilanzen haben. Das ist so ziemlich das schärfste Instrument, das der Notenbank zur Verfügung steht.

DAS INVESTMENT.com: Die US-Notenbank macht das ja schon, die europäische auch bald?

Otte:
Ja, ich denke schon. Und das geht verdächtig in Richtung Planwirtschaft. Das ist ein erheblicher Staatseingriff in den Geldmarkt, was dementsprechend unerfreuliche Folgen hat.

DAS INVESTMENT.com: Welche?

Otte:
Die niedrigen Zinsen, die den Sparern letztlich die schleichende Enteignung bringen. In Deutschland liegt die tatsächliche Inflation bei rund 4 Prozent, nicht bei den offiziellen 1,2 Prozent.

Auch der Mittelstand profitiert nicht von den niedrigen Zinsen. Sie müssen aufgrund verschiedener Regelungen für ihre Kredite immer noch deutlich mehr zahlen.

Das Geld kommt einfach nicht in der Wirtschaft an. Das ist fatal. Wir sehen derzeit eine massive Umverteilung von den Fleißigen hin zu den Vermögenden. Wir manipulieren die Märkte, was das Zeug hält. Das geht auf Dauer schief.

DAS INVESTMENT.com: Was ist die Lösung?

Otte:
Die Lage ist verkorkst. Wir brauchen auf jeden Fall ein flexibles Euro-System. Ich hätte die Einheitswährung nicht gebraucht, aber jetzt kommen wir aus der Nummer nicht mehr heraus. Es sollten selektive Austritte aus der Euro-Zone möglich sein. Einen Schwerkranken legt man schließlich auch auf die Isolierstation.

Griechenland sollte temporär aus dem Euro raus. Dann kann man gezielter helfen. Jetzt versickert das Geld nur in der Regierungskasse und bei den Gläubigern. Und auch Banken sollten pleitegehen dürfen.

DAS INVESTMENT.com: Wie lange dauert die Genesung?

Otte:
Es wird auf jeden Fall noch einige Jahre ein Potpourri aus höheren Steuern, Inflation und lockerer Geldpolitik geben, aber wenn wir Glück haben, sind wir in drei bis fünf Jahren aus der Krise raus.

DAS INVESTMENT.com: Und bis dahin?

Otte:
Die sichere Geldanlage gibt es nicht mehr. Man muss streuen, am besten auch in Aktien.

DAS INVESTMENT.com: Wo finden Sie die?

Otte:
Vor allem in Europa. Der europäische Aktienmarkt ist unterbewertet. Deutschland ist auf einem halbwegs fairen Bewertungsniveau. Der US-Aktienmarkt hingegen ist rund 20 Prozent überbewertet. Das heißt nicht, dass Sie da keine attraktiven, unterbewerteten Titel finden, aber in der breiten Masse würde ich ein Investment nicht empfehlen.

Den USA geht es deutlich schlechter als Europa: hohe Arbeitslosigkeit, marode Infrastruktur, teilweise Zustände wie in der Dritten Welt. Wenn Sie aber Coca-Cola oder andere Global Player im Portfolio haben, sollten Sie sie halten. Zum Nachkaufen sind sie allerdings schon zu teuer.