Exportindustrie Fidelity-Fondsmanager: „Die breite Euphorie am deutschen Markt trügt“

Christian von Engelbrechten ist Fondsmanager des Fidelity Germany Fund

Christian von Engelbrechten ist Fondsmanager des Fidelity Germany Fund

2016 verkauften deutsche Unternehmen Waren im Wert von 1,2 Billionen Euro im Ausland – und konnten damit erneut einen neuen Rekord feiern. Wir haben uns längst an immer neue Absatzerfolge unserer Exportwirtschaft gewöhnt. Doch das ist kein Selbstläufer. Die Anzeichen für ein Ende des Exportbooms mehren sich. So beziffert die Welthandelsorganisation WTO das Wachstum des grenzüberschreitenden Handels 2016 weltweit nur noch bei 1,7 Prozent – das ist der niedrigste Zuwachs seit 2009.

Ob Deutschland das hohe Exportniveau auf Dauer halten kann, ist fraglich. Denn die Lage wird verschärft durch den zunehmenden Protektionismus – beispielsweise durch eine mögliche Importsteuer in den USA. Zehn Prozent des deutschen Industrieumsatzes gehen auf Exporte in die USA zurück.

Deutschland ist Gewinner der Globalisierung

Deutschland hat in den vergangenen Jahrzehnten massiv von der Globalisierung profitiert. Die deutsche Industrie konnte dabei ihre Stärken voll ausspielen. Sie liefert Autos, Maschinen und chemische Produkte, die Schwellenländer für ihren wirtschaftlichen Aufholprozess benötigen und auch in hochentwickelten Industrienationen gefragt sind. Dennoch geraten die exportstarken Branchen zunehmend unter Druck.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Automobilindustrie. Sie ist der wichtigste Sektor der deutschen Exportindustrie und verdiente in den vergangenen Jahren auf Auslandsmärkten glänzend. Nach einer aktuellen Studie der Beratungsgesellschaft PwC wird der weltweite Autoabsatz 2017 nur noch um drei Prozent zulegen nach einem Zuwachs von acht Prozent im Vorjahr. Gerade in dem so wichtigen chinesischen Markt soll der Zuwachs des Autoabsatzes von 14 auf 5,6 Prozent sinken, so die Prognose. In den USA zeichnen sich 2017 sogar sinkende Verkaufszahlen ab. Überkapazitäten führen zu sinkenden Margen. Das ist ein Alarmzeichen für deutsche Automobilhersteller, die rund zwei Drittel ihrer Fahrzeuge im Ausland verkaufen. Damit gerät eine der wichtigsten Säulen der deutschen Exportwirtschaft zunehmend unter Druck.

Fondsmanager müssen auf Umbruch reagieren

Auf einen solchen Umbruch muss ein Fondsmanager frühzeitig reagieren. Denn für den Anlageerfolg kommt es entscheidend darauf an, die Treiber der wirtschaftlichen Dynamik frühzeitig zu identifizieren und das Portfolio entsprechend auszurichten. Und hier kommt der private Konsum ins Spiel. Mit der Schwäche der Exportwirtschaft übernimmt er eine immer wichtigere Rolle für das Wirtschaftswachstum. Grundsätzlich hängt die Konsumbereitschaft entscheidend vom verfügbaren Einkommen ab. In Deutschland herrscht derzeit mit einer Arbeitslosenrate von 6,3 Prozent nahezu Vollbeschäftigung, mit entsprechend positiven Effekten auf den privaten Konsum. Ganz anders war da die Lage zwischen 2000 und 2005, als die Arbeitslosigkeit in Deutschland bis zu 11,7 Prozent betrug. Die Wachstumsschwäche dieser Jahre hatte auch ihre Ursache in der fehlenden Nachfrage.

Ein aktiver Fondsmanager muss in einem Umfeld mit starkem Wandel noch selektiver vorgehen, um nachhaltig erfolgreiche Unternehmen ausfindig zu machen. Er darf sich dabei nicht von der Euphorie am Markt blenden lassen. Das bedeutet, Aktien unabhängig von einem Marktindex wie dem Dax und der kurzfristigen Stimmung auszuwählen. Im Moment zeichnet sich der Markt durch eine Hochstimmung aus, die auch zur Überbewertung von Exportwerten geführt hat. Viele Unternehmen, die stark von Ausfuhren abhängen wie BASF oder Siemens, sind aus meiner Sicht derzeit hoch bewertet. Die Finanzmärkte haben den drohenden Abschwung auf den Exportmärkten noch nicht eingepreist.

Hinter uns liegen acht Jahre mit steigenden Börsenkursen. Geldschwemme und niedrige Zinsen haben zu einer Euphorie und vielen Übertreibungen geführt. Insbesondere über die vergangenen zwölf Monate sind die Risiken zunehmend ignoriert worden und die Kurse vieler hochspekulativer Unternehmen haben sich von deren langfristigen Fundmentaldaten entkoppelt – eine Entwicklung, die mich an die Zeit der Dot-Com-Blase erinnert. Daher halte ich es für sinnvoll,  bei der Investition nach klar definierter Qualität zu selektieren.