EZB-Kaufprogramm „Jetzt prozyklisch das Risiko zu erhöhen ist nicht angebracht“

Erik Rüttinger, Leiter Portfoliomanagement Renten Credit bei Meag

Erik Rüttinger, Leiter Portfoliomanagement Renten Credit bei Meag

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DAS INVESTMENT.com: Die EZB will vor allem Anleihen von Firmen mit guten Ratingnoten kaufen, entsprechend werden in diesem Bereich die Zinsen sinken: Wird die EZB damit einem weiteren beliebten, weil nicht allzu riskanten Anleihen-Segment der Investment-Grade-Bonds den Garaus machen?

Erik Rüttinger: Durch die Käufe der EZB wird sich die systemische Illiquidität an den Kapitalmärkten auf Grund des eintretenden Crowding Outs und der Angebotsverknappung weiter verschärfen. Dies kommt zu einer Zeit, wo die Funktionalität der Sekundärmärkte ohnehin durch massive regulatorische Vorschriften und ein verändertes Anlageverhalten eingeschränkt ist und mit Blick auf immer kleinere Bankenbücher ein Ausgleich von Angebot und Nachfrage deutlich erschwert wird.

Neben dieser künstlich erzeugten Dysfunktionalität spielt jedoch auch die Funktion der Bondpreise eine wichtige Rolle. So führt  das massive Kaufprogramm wie auch bei anderen Assetklassen zu einer Preisinflation. Höhere Preise beziehungsweise niedrigere Kreditprämien sind hier jedoch dann nicht länger ein Indikator für geringere Kreditrisiken oder höhere Bonität der Unternehmen, was an die Märkte ein grundlegend falsches Signal geben kann. Die verschärfende Folge: Viele Unternehmen verschulden sich (noch stärker) mit billigem Geld oder fokussieren sich auf Shareholder-Value-maximierende Strategien. Geringere Kreditprämien passen sicherlich nicht dazu. Das durch die Zentralbanken eingeleitete Niedrigst- bis Negativ-Zinsszenario wird durch das Corporate Kaufprogramm und die sich weiter verringernden Kreditprämien noch einmal beschleunigt.

Doch was passiert hier letztlich? Kreditprämien waren in der Vergangenheit ein marktregelnder Mechanismus. Unternehmen, die nur ein schwaches Geschäftsmodell vorweisen konnten, bekamen von ihrer Bank keinen Kredit oder nur zu entsprechend hohen Zinssätzen. Dies verhinderte vor der Finanzkrise den Erhalt oder Aufbau von Überkapazitäten durch wenig überlebensfähige Unternehmen. Das Nullzins/Nullspread-Szenario hingegen macht diese Tür weit auf und benachteiligt dadurch starke Unternehmen.