Faktor bei Vergütung Gehälter in der Finanzbranche: Bei JP Morgan bewertet ab sofort jeder jeden

Hauptquartier von JP Morgan Chase in New York | © Getty Images

Hauptquartier von JP Morgan Chase in New York Foto: Getty Images

Die Software mit dem Namen Insight360 dient dazu, die Entwicklung der 243.000 Personen umfassenden Belegschaft voranzutreiben, wie aus einem Rundschreiben hervorgeht, das Personalchef John Donnelly verschickte. Die Manager des Finanzkonzerns hatten festgestellt, dass viele Mitarbeiter, besonders jüngere, ständig Feedback wollen – statt der klassischen Bewertung einmal pro Jahr.

„Indem wir Ihnen zuhörten, haben wir gelernt, dass unsere Mitarbeiter zu jeder Zeit wissen wollen, wo sie stehen“, schrieb Donnelly in dem Memo. Das Web-basierte Programm wird es Mitarbeitern ermöglichen, „von jedem jederzeit Rückmeldung anzufordern oder zu empfangen“.

Veränderungen beim Management

Die größte US-Bank ist das jüngste Beispiel für Konzerne, die Veränderungen beim Management des Personals vornehmen - dem größtes Kostenposten bei allen großen Instituten. Sie passen sich an ein Zeitalter an, in dem Technologie eine Echtzeit-Bewertung von Restaurants, Amazon-Lieferungen und vielem mehr ermöglicht.

Vorreiter sind hier Technologie- und Beratungsunternehmen, darunter Microsoft und Accenture. Sie überdenken ihre jährlichen Bewertungsgespräche – und schaffen diese entweder vollständig ab oder ergänzen sie mit mehr Zwischengesprächen.

Software wertet Lebensläufe aus

Vergangenes Jahr hatte Goldman Sachs Group Inc. erklärt, das Unternehmen experimentiere mit einem Online-System für ein ständiges Mitarbeiter-Feedback. Der Finanzriese schaffte zudem Interviews mit Studenten auf dem Universitäts-Campus ab. Stattdessen entschied sich Goldman für Video-Aufzeichnungen sowie Software, die Lebensläufe auswertet. Dahinter stand das Ziel, die Einstellungen zu standardisieren.

Bei JPMorgan bedeutet die neue Technologie, dass kurze Zeit nach einer Sitzung oder dem Abschluss eines Projekts ein Manager bei den Teilnehmern Reaktionen zur Leistung eines bestimmten Mitarbeiters anfordern kann. Das berichtete Michael D’Ausilio, Managing Director für Leistungsentwicklung. Mitarbeiter hätten auch die Möglichkeit, um Kritik zu bitten oder von selbst Bewertungen über Kollegen abzugeben. Derjenige, der einen solchen Prozess anstößt, kann entscheiden, wer das Feedback zu sehen bekommt.

Bislang ein einziges Gespräch

„Wenn sie eine Sitzung beenden, sollten sie umgehend erfahren, wie sie sich geschlagen haben“, sagte D’Ausilio in einem Interview mit Bloomberg.

Er gibt zu, dass die Veränderungen für einige Mitarbeiter eine Veränderung darstellen könnten, deren gesamte Jahresleistung bislang bei einem einzigen Gespräch abgehandelt wurde – bei dem es eine von fünf Noten gab, von „braucht Verbesserung“ bis „übertrifft Erwartungen“.

Entscheidungen zu Vergütungen

Informationen, die mit der neuen Technologie eingesammelt werden, fließen nun neben anderen Faktoren auch in Entscheidungen zu Vergütungen im Finanzkonzern ein, dessen Mitarbeiter von Teilzeit-Schalter-Angestellten bis hin zu Investmentbankern und Händlern reichen.

„Wir wollen, dass sich die Leute in einer Art und Weise verhalten, die ein Umfeld schafft, in dem sich die Leute wohl dabei fühlen, nach Feedback zu fragen, dieses zu geben oder es zu erhalten“, sagt D’Ausilio. „Es muss etwas sein, das Teil der Routine der Leute ist.“