Ferienparadies statt Wirtschaftswachstum Russland schwächt sich auf Dauer selbst

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

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Thukydides, mein bevorzugter politischer Autor, beschreibt den Weg in den Krieg als eine lange Abfolge von Beratungen, wer wessen Recht verletzt habe und wer nicht. Dabei lässt er keinen Zweifel, dass es sich dabei nur um den oberflächlichen Kriegsgrund handelt. In Wahrheit wollen beide Parteien den Krieg, getrieben von der Lust des starken Mannes an der Konfrontation, von allgemeiner politischer Verunsicherung und von der Ehrsucht der Völker.

Sparta will die Expansion des Attischen Seebunds in Mittelgriechenland stoppen und Athen fühlt sich reich und mächtig und ist nicht zimperlich, wenn es darum geht, seine Einflusssphäre auszuweiten und Gegner aus dem Weg zu räumen. Athen hält seine wirtschaftliche, kulturelle, politische und militärische Macht für unüberwindbar. Sparta grummelt und wartet auf eine Gelegenheit, Athen ein Bein zu stellen.

Liest man heute Thukydides, so kann man sich eines langen Seufzers nicht erwehren, so wenig haben sich die Angelegenheiten der Menschheit geändert. Thukydides warnt vor der Kurzsichtigkeit kriegerischen Vorgehens. Das Problem liegt seines Erachtens darin, dass „bei Kriegsbeginn die Menschen sogleich zu handeln suchen – was sie aber erst später tun sollten; erst wenn es ihnen schlecht ergangen ist, beginnen sie mit Überlegungen.“ (I,78,3)

In unseren Tagen ist es der russische Präsident Putin (den nur noch die Verwegensten für einen lupenreinen Demokraten halten), der kriegerisch-kurzsichtig handelt. Gewiss, die Krim bringt ihm einen Eintrag im Geschichtsbuch und einen Strand für seine Rentner (daher rührt wohl auch seine große Unterstützung bei Altkanzlern). Den Hafen hatte er ja sowieso schon. Aber es bringt auch politische Isolation, erhebliche Einbußen für die Wirtschaft und den Verlust des Status als verantwortungsvoller Staatsmann.

Russlands Wirtschaft befindet sich schon länger in einer Krise. Jeder, der sich dort etwas Geld ergaunert hat, schafft es so schnell wie möglich ins Ausland. Im Jahr 2013 haben 63 Milliarden Dollar das Land verlassen. Im ersten Quartal 2014, beim ersten Kriegsgrollen, waren es schon 70 Milliarden.

Es ist kein gutes Zeichen für eine Volkswirtschaft, wenn die Einheimischen überhaupt keine Lust zeigen, zu Hause zu investieren. So hat die russische Wirtschaft bis heute die Struktur einer klassischen Dritte-Welt-Ökonomie: Sie basiert allein auf der Ausbeutung von Bodenschätzen und etwas Handel. Industrie, Finanzwesen, Forschung und Entwicklung – also alles, was Gedankenfreiheit und Rechts- und Investitionssicherheit erfordert, konnte sich in Russland nicht entwickeln.

Die deutschen Exporte nach Russland sind schon in den Monaten vor der Krise um 16 Prozent zurückgegangen. Das Wachstum der russischen Wirtschaft wurde vor der Krise auf 1 bis 2 Prozent geschätzt und nun ist sie vermutlich in der Rezession angekommen. Putin glaubt wahrscheinlich, langfristig zu denken: Was ist schon eine konjunkturelle Delle gegen einen so schönen Geländegewinn mit so viel Freizeitwert?

In Wahrheit geht es ihm wohl viel mehr darum, vom elenden Zustand Russlands und von seiner Unfähigkeit, das Land weiter zu entwickeln, abzulenken. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein innenpolitisch schwacher Führer das außenpolitische Abenteuer gesucht hätte.