Fidelity European Growth Fund „Rückenwind durch Qualitätsfokus“

Matthew Siddle, Portfoliomanager des Fidelity European Growth Fund

Matthew Siddle, Portfoliomanager des Fidelity European Growth Fund

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Herr Siddle, Sie haben vor drei Jahren, im Juli 2012, den europäischen Aktienfonds Fidelity European Growth Fund übernommen. Wie ist es seitdem gelaufen?

Matthew Siddle: Ich bin zufrieden. Lag der Fonds 2013 noch knapp hinter seinem Vergleichsindex, dem FTSE World Europe, so konnte der Fonds 2014 den Index klar übertreffen. Auch dieses Jahr läuft es sehr gut. In den ersten fünf Monaten hat der Fonds um gut 20 Prozent zugelegt und den Index um mehr als 150 Basispunkte hinter sich gelassen. . In erster Linie ist die Performance der Einzeltitelauswahl zu verdanken.

Haben Sie damals etwas an der Fondsstrategie geändert?

Ja, ich habe den Fonds umstrukturiert und auf meinen persönlichen Anlagestil ausgerichtet. In den ersten acht Monaten habe ich etwa 40 Titel verkauft und in mehr als 20 neue Aktien investiert. Wie meinem Vorgänger ist mir eine attraktive Bewertung wichtig. Ich habe den Fokus aber klar auf Qualitätstitel gesetzt. Denn nur Qualität setzt sich auf lange Sicht durch. In den ersten Monaten arbeitete der Markt gegen uns. Die anhaltende Unsicherheit lenkte dann aber den Blick vieler Investoren auf qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle. Davon konnten wir profitieren. Als echter Rückenwind hat sich der Qualitätsfokus in den letzten Monaten erwiesen, in denen die Märkte nicht nur von der Hoffnung, sondern von echtem Wachstum sowie von positiven Gewinnkorrekturen beflügelt wurden.

Wie würden Sie Ihren Investmentansatz beschreiben?

Auf den Punkt gebracht: Qualität zu einem attraktiven Preis.

Und etwas ausführlicher?

Ich suche in ganz Europa nach Aktien starker, gut geführter Unternehmen, die unabhängig vom Marktzyklus hohe und beständige Renditen erzielen und attraktiv bewertet sind. In der Regel sind das Unternehmen mit soliden Cashflows, die in weiteres Wachstum des Unternehmens reinvestiert und an die Aktionäre ausgeschüttet werden. Idealerweise kaufe ich diese Unternehmen extrem günstig ein. Allerdings ergeben sich solche Gelegenheiten nur äußerst selten. Ich achte jedoch stets darauf, dass Preis und Qualität in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Wie Sie selbst sagten, sind Qualitätsaktien zurzeit bei Investoren sehr beliebt und die Kurse schon stark gestiegen. Finden Sie überhaupt noch attraktive Titel?

Tatsächlich sind mit dem Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank die Kurse von Aktien, die einen Anleihecharakter haben, noch einmal deutlich gestiegen, ohne dass sich die Fundamentaldaten verbessert haben. Das trifft zum Beispiel auf Unternehmen wie Unibail, Vodafone, Nestlé oder Unilever zu. Diese Positionen habe ich reduziert oder ganz geschlossen. In Europa gibt es aber viele multinationale Qualitätsunternehmen mit soliden Geschäftsmodellen und robusten Bilanzen, die über den gesamten Marktzyklus hinweg zu attraktiven Bewertungen zu haben sind.

Können Sie ein Beispiel für ein Qualitätsunternehmen nennen, das Sie mögen?

Der deutsche Softwareentwickler SAP. Das Unternehmen erwirtschaftet seit Jahren starke Erträge und erzielt ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum. Da der Markt zweifelte, dass SAP im wachsenden Cloud-Geschäft konkurrenzfähig bleibt, hat der Kurs nachgegeben, und das Unternehmen ist so günstig bewertet wie nie zuvor. Nach eingehender Prüfung der Aktie bin ich überzeugt, dass SAP gut aufgestellt ist, um den Übergang zu dieser neuen Technologie zu meistern. Daneben baut es sein Kerngeschäft weiter aus. Ich traue der Aktie ein beachtliches Kurspotenzial zu und habe die Position zu Anfang des Jahres zu einer der größten im Portfolio ausgebaut.

Gehen Sie systematisch bei der Titelauswahl vor?

Ich ermittle für jede Aktie eine faire Preisspanne. Dabei berücksichtige ich Margen, Erträge und Wachstum und betrachte den Wert einer Aktie über einen gesamten Marktzyklus. Jeder Aktie erteile ich ein Qualitäts- und ein Bewertungsrating, die in eine „Qualitäts-Bewertungs-Matrix“ einfließen. Aktien die hier gut abschneiden, also Unternehmen mit hoher Qualität und attraktiver Bewertung, machen den Kern des Portfolios aus.

Sie setzen also nicht ausschließlich auf Qualitätsaktien? Was kommt noch ins Portfolio?

Ich habe einige taktische Positionen im Portfolio. Das sind zum Beispiel Titel, die bereits relativ hoch bewertet sind, die ich allerdings wegen ihres extrem guten Wachstumsausblicks interessant finde. Oder aber Aktien, die weniger durch ihre Qualität überzeugen, dafür aber besonders attraktiv bewertet sind. Zurzeit sind beispielsweise einige Firmen geringerer Qualität aus der Energiebranche im Portfolio, die aber eine außergewöhnlich attraktive Bewertung aufweisen. Dazu zählen die integrierten Ölgesellschaften Statoil, Royal Dutch Shell und BG Group. Meine Übergewichtung des Energiesektors hat einen guten Teil zur Performance seit Jahresanfang beigetragen.

Welche anderen Branchen mögen Sie neben dem Energiesektor zurzeit?

Mir gefällt weiterhin die Gesundheitsbranche, die ich am stärksten übergewichtet habe. Hier gibt es noch einige attraktiv bewertete Qualitätsunternehmen. Die Patentklippe ist weitgehend überwunden und die Produktpipelines sind gut gefüllt. Ich habe zum Beispiel den Pharmakonzern Roche und den Medizintechniker Smith & Nephew im Portfolio aufgestockt. Zudem bevorzuge ich zyklische Branchen, die von der Aufhellung der Konjunktur profitieren dürften. Sie werden weiterhin auf einem attraktiven Niveau gehandelt, obwohl die Gewinne stärker gestiegen sind als in den klassischen defensiven Branchen. Dazu zählen zum Beispiel Technologieunternehmen wie SAP. Im Bereich des zyklischen Konsums mag ich unter anderem Medientitel wie die Werbeagentur Publicis mit soliden langfristigen Fundamentaldaten, die in den Schwellenländern und der Online-Werbung stark vertreten sind.

Zurzeit wird Europa wieder einmal vom Thema Griechenland dominiert. Ist das eine Gefahr für europäische Aktien?

Griechenland ist zurzeit eine der größten Gefahren in dem sonst positiven Umfeld. Auf kurze Sicht könnte das Thema weitere Schwankungen an den Aktienmärkten auslösen. Allerdings dürfte die EZB möglichen Ansteckungsgefahren mit ihrem quantitativen Lockerungsprogramm entgegenwirken. Außerdem befinden sich die meisten Anleihen Griechenlands inzwischen überwiegend in Händen der EZB und des Internationalen Währungsfonds IWF. Das federt die negativen Folgen einer möglichen Pleite Griechenlands für das europäische Finanzsystem ab.

Wird sich die wirtschaftliche Erholung in Europa fortsetzen?

Die europäische Wirtschaft wird aktuell von mehreren Faktoren gestützt: den stimulierenden Maßnahmen der EZB, dem niedrigen Ölpreis, der den Konsum anregen dürfte und dem schwachen Euro, der europäischen Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil verschafft. Zudem nimmt die Kreditbereitschaft der Banken zu. Zusammen mit den günstigen Finanzierungsbedingungen dürfte dies für weiteres Wachstum der europäischen Unternehmen sorgen.

In den vergangenen Wochen waren die Gewinnrevisionen zum ersten Mal wieder positiv, nachdem zuvor 210 Wochen in Folge die Gewinne stets nach unten korrigiert wurden. Nach der Kursrally seit Jahresbeginn liegen die Kurs-Gewinn-Verhältnisse basierend auf künftigen Gewinnen nun über und die Kurs-Buchwert-Verhältnisse in etwa auf dem Niveau ihrer langjährigen Durchschnittswerte. Verglichen mit anderen Anlageklassen wie US-Aktien und Unternehmensanleihen erscheinen Aktien aus Europa nach wie vor günstig.