Finanzierung zunehmend schwieriger Scheitern deutsche Insurtechs an fehlenden Investitionen?

Nikolai Dördrechter ist Geschäftsführer und Mitgründer der Policen-Direkt-Gruppe. Er ist der Ansicht, dass die Finanzierung für deutsche Insurtechs zunehmend schwieriger wird. | © Policen Direkt

Nikolai Dördrechter ist Geschäftsführer und Mitgründer der Policen-Direkt-Gruppe. Er ist der Ansicht, dass die Finanzierung für deutsche Insurtechs zunehmend schwieriger wird. Foto: Policen Direkt

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Insurtechs gelten als „the next big thing“ im Versicherungswesen. Laut CBInsights sind hier die weltweiten Investitionen im vergangenen Jahrzehnt um das Siebenfache gestiegen. Wurden zwischen 2011 und 2013 noch rund 250 Millionen US-Dollar pro Jahr investiert, lag der jährliche Betrag zwischen 2014 und 2016 schon bei 1,7 Milliarden US-Dollar.

Kein Mangel an Seed-Finanzierung

Auch in Deutschland möchten die Investoren diesen wichtigen Trend nicht verpassen. Ihr Fokus liegt dabei hauptsächlich auf den frühen Unternehmensphasen, in denen relativ geringe Start-Investitionen ausreichen. Vor allem sogenannte Business Angels unterstützen Insurtech-Gründer mit ihrem Know-how, ihren Kontakten – und natürlich ihrem Geld. Sie steigen in einer frühen Phase ein und investieren in der Regel pro Person zwischen 50.000 und 100.000 Euro.

Beträge bis zu einer halben Million Euro lassen sich so für die Start-ups relativ gut einsammeln. Das reicht für einen ersten Anschub, die sogenannte Seed-Finanzierung. Zwar tummeln sich in der Szene einige sogenannte Super Angels, die als erfolgreiche Unternehmer bereit sind, auch größere Summen in Start-ups zu stecken. Hohe einstellige oder gar zweistellige Millionenbeträge investieren aber auch sie nicht.

Deutsche Insurtechs sind unterfinanziert

Viele Insurtechs, die bereits seit einigen Jahren im Markt aktiv sind, benötigen aber jetzt genau solche großen Summen, um tatsächlich weiterzukommen. Doch die Venture-Capital-Investoren, die nach den Business Angels einsteigen und größere Finanzierungsrunden machen könnten, zögern. Das bestätigt unsere aktuelle Untersuchung: Gerade deutsche Venture-Capital-Investoren sind grundsätzlich vorsichtiger geworden. Ein Grund: Die meisten der ersten Insurtech-Investments haben sich nicht so schnell entwickelt wie erwartet – die schnelle Disruption ließ auf sich warten.

Das bedeutet nicht unbedingt, dass die verfolgten Geschäftsmodelle schlecht sind. Vielfach wurde aber massiv unterschätzt, wie komplex und in mancher Hinsicht leider auch träge die Versicherungsbranche ist. Entscheidungs- und Umsetzungsprozesse bei Versicherern können so lange dauern, dass sie Insurtechs zum Verzweifeln bringen. Anders als in anderen Branchen setzt sich das bessere Produkt nicht schnell durch und verdrängt die etablierten Anbieter. Die Folge sind Abweichungen im Business Plan und damit ein höher Funding-Bedarf als ursprünglich erwartet.

Auf die beobachtbaren Dealzahlen hatte all das bisher noch keinen großen Effekt, aber die Venture Capitals lassen sich zunehmend mehr Zeit, um zu einem Urteil zu kommen und investieren tendenziell weniger. Denn auch die Venture-Capital-Unternehmen stehen unter Performance Druck und müssen ihren Investoren in den Fonds attraktive Renditen bieten. Liefert ein Fonds keine gute Rendite, ist der Folgefonds gefährdet. Die Statistik attestiert den europäischen Venture-Capital-Fonds keine gute Performance. Ein nennenswerter Teil der Investments floppt, nur wenige Erfolgsgeschichten müssen daher die Gesamtrendite stemmen. Fehlinvestitionen im nennenswerten Millionenbereich gilt es tunlichst zu vermeiden, was auch die Entscheidungsfreudigkeit im Insurtech-Umfeld reduziert.

Erfahrene Insurtech-Investoren fehlen

Hinzu kommt, dass Insurtechs außerdem ein relativ neues Investitionsfeld sind. Während bekanntermaßen viele Venture Capitals umfangreiche E-Commerce- oder Technologieerfahrung haben, fehlt es vielerorts an profundem Versicherungs-Know-how. Venture-Capital-Unternehmen haben oft kein ausreichendes Netzwerk in der Versicherungsbranche. Es finden sich dort viele ehemalige Banker und Unternehmensberater, aber kaum ehemalige Mitarbeiter und Top-Manager von Versicherungen, was Einschätzungen erschwert und Zurückhaltung fördert.

Das alles führt dazu, dass es in Deutschland kaum Investoren gibt, die hohe Anschlussfinanzierungen stemmen können oder wollen. Teilweise springen internationale Venture-Captial-Investoren in die Bresche wie bei Wefox. Mit Hilfe von Horizons Ventures, Target Global, Speedinvest und einigen kleineren ausländischen Investoren gelang es dem Unternehmen, den bisher größten Deal auf dem deutschen Insurtech-Markt abzuschließen. In der jüngeren Vergangenheit hat Coya mit Valar, dem Wagniskapitalfonds von Peter Thiel, einen US-VC als Finanzierungspartner gewinnen können.