Fondsmanager über die Japan-Katastrophe: „Eine der größten Fehlbewertungen in der Geschichte der Aktienmärkte“

Quelle: Getty Images

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DAS INVESTMENT.com hat Fondsmanager und Vermögensverwalter zu ihrer Einschätzung der aktuellen Lage in Japan und deren Auswirkungen auf japanische und internationale Finanzmärkte befragt. Der Tenor der meisten Antworten gleicht dem der offiziellen Stellungnahmen der Regierung. „Ruhe bewahren“, lautet die Parole. Doch es gibt auch Gegenstimmen.

Bevor die wirklichen Ausmaße der Katastrophe bekannt sind, sollte man sich nicht vorschnell von seinen Japan-Titeln trennen, empfiehlt beispielsweise Steve Seneque, Leiter Aktien bei Fidelity International in Japan. „Denn mit überhasteten Entscheidungen geht die Gefahr einher, langfristig noch höhere Verluste einzufahren.“

Aktionären, die die Papiere deutscher Energieversorger schnell loswerden wollen, rät sein Kollege Christian von Engelbrechten, Fondsmanager des Fidelity Germany Fund, zum Umdenken. „Eine mögliche Verknappung der globalen Gasvorräte könnte zu steigenden Gas- und Strompreisen führen, was sich positiv auf die Erträge der Versorger auswirken könnte.“

V.M.Z.-Chef Markus Zschaber rechnet mit Solar-Blase

Die durch die Ereignisse in Japan angestoßene Diskussion um die AKW-Laufzeiten und den Ausbau alternativer Energien kommentiert von Engelbrechten indes nicht. Dies tut der V.M.Z.-Chef Markus Zschaber. Der Autor und renommierte Vermögensverwalter sieht derzeit kleine Spekulationsblasen im Solarbereich, „da dort sicherlich nicht die Vernunft herrscht, sondern Zukunftsphantasien gehandelt werden“.

Die massiven Verkäufe auf dem asiatischen, aber auch dem europäischen und dem US-amerikanischen Aktienmarkt rechnet Zschaber der psychologischen Komponente – also der größtenteils unbegründeten Panik der Marktteilnehmer – zu. Etwas differenzierter sieht er die Situation auf dem japanischen Kapitalmarkt. „Die Verkäufe in Japan wiederum sind sicherlich etwas gerechtfertigter, denn Japans Wirtschaft galt auch vor der jetzigen Katastrophe als angeschlagen, auch aufgrund der 200 Prozent BIP-Verschuldung“. Schnäppchenjagd im Katastrophengebiet

Anders sieht das Fidelity-Manager Robert Rowland, der zwei Japan-Fonds der Gesellschaft verantwortet. „Aus meiner Sicht wird sich an der schwierigen Lage in den nächsten Wochen kaum etwas ändern. Vermutlich ist frühestens in einem Monat mit gesicherten Daten zur Wiederherstellung der Stromversorgung und der Verkehrsinfrastruktur zu rechnen. Für die Zeit danach sehe ich durchaus aussichtsreiche Anlagechancen, denn die aktuelle Verkaufswelle hat wahllos alle Branchen und Titel erfasst.“

Noch deutlicher formuliert das Dean Cashman, Manager des M&G Japan Fund. „Die Geschichte der Finanzmärkte zeigt uns, dass solche Markt-Abstürze wie derzeit in Japan nicht ewig dauern können“, erklärt er gegenüber DAS INVESTMENT.com. Cashman rechnet damit, dass die Bewertungen japanischer Firmen sich recht bald wieder normalisieren werden. Die derzeitige Situation biete eine hervorragende Möglichkeit, gewinnbringende Aktien für den Fonds günstig einzukaufen. Renditedifferenz von zirka 200 Prozent

Ähnliche Pläne hat Alexander Mueller, Berater des Wandelanleihenfonds Convertible Global Diversified UI. „Relativ gesehen ist der bereits zuvor am niedrigsten bewertete japanische Aktienmarkt nochmals wesentlich günstiger geworden. Wir nutzen diese Schwäche, um den Anteil an japanischen Wandelanleihen in unserem Fonds umzuschichten. So haben wir einige Wandelanleihen mit Rentencharakter in aktiensensitivere Titel getauscht, bei denen die zugrundeliegende Aktie in den letzten beiden Tagen mehr als 25 Prozent verloren hat. Sollte es zu einer Entspannung der Situation kommen, dann wird dieser Ausverkauf als eine der größten Fehlbewertungen in die Geschichte der Aktienmärkte eingehen. Mit den Kursverlusten der letzten Tage beträgt die Renditedifferenz des japanischen Aktienmarkts im Vergleich zum Weltmarkt zirka 200 Prozent“.

Als Beispiel nennt Mueller die Wandelanleihe von Hitachi, welche letzte Woche bei 160 Prozent notierte und gegenwärtig bei 124 Prozent handelt. Hitachi ist als Unternehmen zwar im Nuklearbereich tätig, allerdings machen die Umsätze der Atomkraft-Infrastruktursparte weniger als fünf Prozent aus.