Geldpolitik in der Eurozone Nullzinsen im Blick

EZB-Präsident Mario Draghi | © Getty Images

EZB-Präsident Mario Draghi Foto: Getty Images

Jacob Vijverberg ist Investment-Manager im Multi-Asset-Team von Kames Capital

Die Zinsen im Euroraum befinden sich auf extrem niedrigem Niveau. In einigen Ländern liegen sie sogar im Minusbereich. Doch bleibt das so? Der ein oder andere Investor vermutet, dass eine Wende bevorsteht.

Denn: Der wirtschaftliche Aufschwung in Europa hat Fahrt aufgenommen. Die Konjunkturindikatoren signalisieren starkes Wachstum und die Arbeitslosenquoten sinken. Zahlreiche Peripherie-Länder warten inzwischen wieder mit beeindruckenden Wachstumszahlen auf. Spaniens Bruttoinlandsprodukt (BIP) beispielsweise ist seit 2015 um rund 3 Prozent pro Jahr gestiegen.

Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), hat diese Entwicklung zur Kenntnis genommen und aus seinen Strategieplänen die bislang stets erwähnte Option auf „noch tiefere“ Zinsen gestrichen. Außerdem hob der EZB-Präsident die Risikoeinschätzung für den Konjunkturausblick von „nach unten gerichtet“ auf „weitgehend ausgewogen“ an. Das hat zu Spekulationen um ein Ende der quantitativen Lockerung und einer allmählichen Anhebung der Leitzinsen geführt.

Italien in Krisenstimmung

Tatsächlich würden jedoch einige europäische Länder höhere Zinsen nicht verkraften. Insbesondere Italien ist wegen seiner hohen Schuldenquote und mangelnder Reformen gefährdet. Das Land benötigt langfristig niedrige Realzinsen, um seine Schulden zu tilgen. Bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder muss die Inflationsrate steigen oder aber die Zinsen müssen weiterhin niedrig bleiben.

Ein Anstieg bei der Teuerung ist mit Blick auf die hohe Arbeitslosigkeit und das begrenzte Lohnwachstum im übrigen Europa unwahrscheinlich. Draghi ist sich dieses Dilemmas bewusst. Eine voreilige Straffung der Geldpolitik könnte die Eurozone in eine neue Schuldenkrise stürzen.

Prognose: Zinsen bleiben niedrig

Wir von Kames Capital gehen davon aus, dass die EZB sicherstellen wird, dass die Realzinsen in Europa im Minusbereich bleiben. Hierbei handelt es sich um eine Art Finanzrepression, bei der Wohlstand schleichend von Sparern an Schuldner übertragen wird.

Sparer, die Geld auf einem Konto deponieren, verlieren angesichts der Inflation an Kaufkraft. Eine lukrativere Alternative stellen Investitionen in Vermögenswerte dar, denen negative Realzinsen zugutekommen. Genau das ist bei unseren Fonds der Fall.

Wir investieren beispielsweise in Infrastruktureinrichtungen und börsennotierte Immobilienunternehmen. Diese profitieren dank geringer Finanzierungskosten von den niedrigen Zinsen. Außerdem sind ihre Ertragsströme inflationsgebunden.

Diese Anlagen sollten daher eine über der Teuerungsrate liegende Rendite abwerfen. Sowohl bei Infrastruktur- als auch bei Immobilieninvestitionen empfiehlt sich jedoch eine sorgfältige Begutachtung jeder einzelnen Position, denn die „Suche nach Rendite“ hat bereits zu übermäßigen Bewertungen einiger Wertschriften geführt.