Geldpolitik Welche Zentralbank zuerst die Zinsen anhebt

Zwei Menschen, die die Zinsen der Welt steuern: der Chef der Bank of England Mark Carney und die Chefin der US-Notenbank Janet Yellen. Foto: Bloomberg

Zwei Menschen, die die Zinsen der Welt steuern: der Chef der Bank of England Mark Carney und die Chefin der US-Notenbank Janet Yellen. Foto: Bloomberg

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Auf dem Kongress der britischen Gewerkschaften lässt Mark Carney die Arbeiter wissen, was sie von ihm zu erwarten haben: nichts. Was er dagegen von ihnen erwartet, ist eine Menge.

„Menschen mit Arbeit müssen in der Lage sein, neue Job-Möglichkeiten zu ergreifen“, sagt Carney und fordert „lebenslanges Lernen, innerhalb und außerhalb des Jobs“.

Carney ist Chef der Bank of England (BoE), die die Leitzinsen in Großbritannien festlegt. Er ist eine jener Personen, die Geld nach Jahren wieder teurer machen können, indem sie den Zins erhöhen. Vor solchen Menschen zittern die Märkte.

Derzeit klingt Carney wie ein Zentralbanker alter Schule: Er achtet auf Inflationsgefahren und erst in zweiter Linie auf die Wirtschaft. „Hawkish“ heißt diese Einstellung in der Finanzszene – mit den Augen des Falken (englisch: hawk).

Eine laxe Geldpolitik, um die Wirtschaft zu stützen nennt man „dovish“ (dove = Taube). Jetzt machte Carney klar, dass die BoE den Leitzins erhöhen könnte, ohne dass die Einkommen im Land merklich stiegen.

Die britischen Löhne ziehen nur langsam an, nachdem sie in der Finanzkrise gesunken waren (siehe Grafik unten). Die Inflation war mit 1,6 Prozent im Juli schwächer als erwartet. Immerhin sank die Arbeitslosenquote zuletzt auf nunmehr 6,1 Prozent.

Das ist eigentlich nicht der Stoff, aus dem höhere Zinsen gemacht sind. Ihre Hab-Acht-Stellung bezieht die BoE aus Frühindikatoren. „Umfragen zur Produktion im dritten Quartal sind weiterhin durchweg stark“, heißt es im Sitzungsprotokoll vom September.

Dazu gehörten Umfragen zu Dienstleistungen, Investitionen, Bau und Kauflust. Sofort den Leitzins zu erhöhen, erscheint aber selbst der hawkischen BoE zu früh. Das könne die Wirtschaft anfällig für Schocks machen, heißt es dazu im Protokoll.

Aber schon nicht mehr einstimmig, denn zwei der neun Komitee-Mitglieder widersprachen: Martin Weale und Ian McCafferty wollten schon jetzt den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 0,75 Prozent erhöhen. Das sollte vorab dem zu erwartenden Druck am Arbeitsmarkt und steigenden Löhnen begegnen.

Man könnte sagen, dass die BoE von den großen Vier – Großbritannien, USA, Eurozone, Japan – nach derzeitigem Stand einer Zinserhöhung am nächsten ist. Sie ist die einzige, die eine Art Gefahr für stabile Preise erkennen will.

USA und Großbritannien im Vergleich

Die Frühindikatoren für die Wirtschaft haben sich zuletzt in beiden Ländern erholt. Hier ist es der Indikator des Instituts Conference Board.


Quelle: Bloomberg