Georg Graf von Wallwitz „Der Handelskrieg folgt antiken Mustern“

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Handelskriege kennen keine Sieger“. | © Eyb & Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer bei Eyb & Wallwitz: „Handelskriege kennen keine Sieger“. Foto: Eyb & Wallwitz

Die Amerikaner haben die aktuelle Folge unfreundlicher Auseinandersetzungen im Welthandel nicht allein begonnen und jedenfalls die Chinesen können ihnen den protektionistischen Impuls gewiss innig nachempfinden. Aber sie sind derzeit die treibende Kraft und daher muss man sich mit ihren Motiven auseinandersetzen. Und an dieser Stelle wird es, das müssen wir gleich in aller Offenheit bekennen, auch und gerade für den professionellen Beobachter verwirrend.

Wären nämlich die USA vernunftgesteuert, so würden sie nicht die Europäer vergraulen, welche immerhin den größten Binnenmarkt der Welt verwalten, mit denen sie wenig substantielle Differenzen haben und die ein ähnliches Beschwerderegister haben gegenüber den Chinesen, den eigentlichen „Verursachern“ des amerikanischen Handelsbilanzdefizits. Ginge es um ökonomische Logik, so würden die Amerikaner versuchen, die Welthandelsorganisation WTO zu stärken, anstatt sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie müssten nur in die eigene Geschichte blicken, um festzustellen, dass Handelskriege keine Sieger kennen. Aber leider ist im Weißen Haus seit dem Abgang von Gary Cohn kaum noch wirtschaftliche Kompetenz anzufinden. So hat Peter Navarro, Trumps Berater in Handelsfragen, kürzlich in einem Fernsehinterview gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass irgendein Land auf die amerikanischen Strafzölle mit entsprechenden Gegenmaßnahmen reagieren würde. In seinen Gedanken und Wünschen lebt er, wie sein Chef, wohl in einer ganz eigenen Welt.

Die Vermutung liegt daher nahe, dass es nicht um Ökonomie geht, sondern um Macht. Trump scheint die Politik zu verfolgen, von der er annimmt, dass sie ihm die Wiederwahl sichert. Und bei seiner Basis scheint die Durchsetzung von Machtpositionen gegenüber dem Ausland besonders gut anzukommen. So geht es in Demokratien manchmal zu. Die Orientierung an Werten, welche die amerikanische Außenpolitik in den letzten 80 Jahren (offiziell) gekennzeichnet hat, ist verloren gegangen. Es gelten nun andere Regeln.

Wie im Peloponnesischen Krieg

Die neuen Regeln sind im Grunde alt. Schon das antike Athen berauscht sich trotz (oder wegen) seiner demokratischen Verfassung an der eigenen Macht. Nach der Abwehr der Perser dominiert Athen die Ägäis und einen großen Teil des griechischen Handels. Und so reicht es Athen bald nicht mehr, dominant zu sein, es will unterwerfen. Daher schickt Alkibiades, ein athenischer Befehlshaber in der zweiten Hälfte des Peloponnesischen Krieges, eine Flotte nach Melos, einer von Sparta kolonisierten Insel, um auch diesen letzten unkontrollierten Winkel der Ägäis unter Kontrolle zu bringen. Er gibt seinen Soldaten ein eindeutiges Ziel vor: Die Unterwerfung der Insel mit allen Mitteln. Die nun folgende Geschichte findet sich im Peloponnesischen Krieg des Thukydides als Beispiel für eine Machtpolitik reinsten Wassers.

Die Athener würden sich und den Meliern gerne eine langwierige Belagerung ersparen und schicken daher zunächst Unterhändler, um die friedliche Unterwerfung in die Knechtschaft zu erwirken. Thukydides hat das Gespräch unter Soldaten nachgezeichnet.

Der „Melierdialog“ kommt vollkommen ohne diplomatische Floskeln aus. Alle Beteiligten sagen in vollkommener Klarheit, was sie denken. „Wir nun wollen selbst nicht unter schönen Wendungen … mit einer langen und unglaubhaften Rede kommen“, beginnen die Athener und erwarten dasselbe von den Meliern. Nun folgt die Argumentation der Mächtigen, die sich weder um die guten Sitten, noch um das Recht scheren müssen. „Denn ihr wisst so gut wie wir, dass von Gerechtigkeit im Menschenmund nur dann die Rede ist, wenn man durch eine gleiche Gewalt im Zaum gehalten wird, und dass diejenigen, die die Macht haben, auflegen, so viel sie können, und die Schwachen ihnen gehorchen müssen.“ (Thuk., 5,89,1) Und darin hat sich auch 2.500 Jahre später nicht viel geändert. Eine Großmacht, die sich ihr Handeln vom Recht vorschreiben lässt, fühlt sich schwach und angreifbar.

Ihrerseits versuchen nun die Melier die Athener davon zu überzeugen, dass es in ihrem eigenen Interesse liege, sich Freunde in der (griechischen) Welt zu erhalten, auch mit Schwächeren zum gegenseitigen Vorteil zu kooperieren und die Lasten des Krieges gering zu halten. Davon wollen die Athener aber nichts wissen. Sie wollen die Unterwerfung, denn womit sonst, als dem größtmöglichen Gewinn, sollte sich der Stärkere zufriedengeben? Zumal die Unterwerfung für beide von Vorteil wäre: „Ihr entschließt euch vielleicht zur Unterwerfung, ehe ihr das Schlimmste erleidet, und für uns ist es ein Gewinn, wenn wir euch nicht zu Grunde richten.“ Leicht verunsichert erwidern die Melier: „Damit also würdet ihr nicht zufrieden sein, wenn wir in Ruhe und Frieden euere Freunde statt eure Feinde, und weder mit den einen noch mit den anderen im Bunde wären?“ Daraufhin Athen: „Nein, denn euere Feindschaft schadet uns nicht so viel als eure Freundschaft. Diese würden unsere Untertanen als Beweis unserer Schwäche ansehen: euer Hass dagegen gibt uns Gelegenheit, einen Beweis unserer Macht zu geben.“ (Thuk., 5,93 ff.) Das ist die Logik der Macht.