Göttliche Begeisterung Was die Zukunft den Märkten bringt

Georg Graf von Wallwitz

Georg Graf von Wallwitz

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„Und nicht wahr, war’s nicht durch Erkenntnis, so bleibt ja nur übrig das richtige Meinen, mit dessen Hilfe die Staatsmänner die Staaten recht verwalten, während sie, was Einsehen betrifft, nicht anders dran sind als die Orakelsprecher und gottbegeisterten Wahrsager: denn auch diese reden viel Wahres, ohne dass sie etwas von dem, was sie reden, wissen.“ PLATON, MENON, 99C

Im Menon, einem von der heutigen Jugend nicht mehr oft gelesenen Dialog Platons, geht es um die Natur der Erkenntnis. Zunächst geht es, wie so oft, um die Erkenntnis der Tugend, und als es in dieser Frage nicht weiter geht, schweift der Dialog ab in immer tiefgründigere Fragen und hängt schließlich bei der Behauptung fest, wir könnten sowieso nichts Neues erkennen, sondern uns am Ende doch nur immer an solches Wissen erinnern, welches wir sowieso schon immer haben. Lernen ist demnach der Prozess der Freilegung von Inhalten, die wir irgendwie schon immer mit uns herumtragen. Damit erfindet Platon die Unterscheidung zwischen Erfahrung und apriorischem Wissen, an welcher die Philosophen sich bis heute abmühen.

Wo wir aber nicht wissen können - und das kommt im Geschäft der Staatenlenker etwa so häufig vor wie in dem der Fondsmanager - können wir nicht über das Meinen, Raten und Stochern im Nebel hinaus kommen, es sei denn wir haben eine Intuition, welche bei Platon eine „göttliche Begeisterung“ ist. „… auch von den Staatsmännern dürften wir wohl in nicht minderem Grade behaupten, sie seien göttlich und begeistert, da sie von dem Gotte angehaucht und ergriffen sind, wenn sie durch ihre Reden viele große Dinge richtig ausführen, ohne etwas von dem, was sie reden, zu wissen.“ (Menon, 99C f.)

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Blättert man durch die Zeitungen, so stellt man schnell fest, dass auch in der Gegenwart die Staatslenker noch immer recht stark auf eine gute Intuition beim Erraten der Wahrheit angewiesen sind. Alles ist furchtbar kompliziert und die Stimmung dabei schrecklich schlecht. Das Flüchtlingselend ist ungebrochen und schwappt nach wie vor in Europas einzig verbliebene freundliche Häfen, nach Deutschland und Österreich. Terrorismus ist ebenfalls ein Zeichen der Zeit, Paris und Brüssel erleben den Ausnahmezustand. Engländer, Polen und eine Handvoll kleinerer Länder haben überhaupt keine Lust mehr auf Europa und planen für die Zukunft im wesentlichen mit sich selbst.

Das europäische Projekt zerbröselt vor unseren Augen, der Krieg schwappt an unsere Haustür, und nun ist unsere Kanzlerin auch noch erkältet.

Was machen die Finanzmärkte daraus? Nichts. Die ebenfalls oft ratlos in eine unsichere Zukunft blickenden Investoren an der Börse haben offensichtlich eine göttliche Begeisterung und sind sich ziemlich sicher: das alles ist nur eine menschliche Katastrophe und ein Medienereignis, wird aber nichts grundsätzlich verändern.