Gold: Achterbahnfahrt und Anlagenotstand

Robert Hartmann

Robert Hartmann

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„Achterbahnfahrt“ – dieser Begriff beschreibt die Situation am Edelmetallmarkt im Jahr 2013 wohl am besten. Als sich im April ein historisches Gewitter entlud, welches das Vertrauen vieler Anleger in Gold und Silber erschütterte, habe ich in einem viel beachteten Beitrag die Frage gestellt: „Game over bei den Edelmetallen?“ Ich habe in diesem Artikel darauf hingewiesen, dass die pro aurum-Gesellschafter die extreme Abwärtsbewegung in keiner Weise antizipiert und auch die privat gehaltenen Edelmetallbestände im Vorfeld oder während des Preisrückgangs nicht verkauft haben. Bis heute nicht. Ich habe also die selbst aufgeworfene Frage nach dem Ende der Goldhausse für mich persönlich mit einem klaren „Nein“ beantwortet.

Warum? Weil sich die Großwetterlage meines Erachtens keineswegs verändert hat: Risikofreie Zinsen sind ein Relikt der Vergangenheit geworden. Das Unwort „Anlagenotstand“ macht weiterhin die Runde. Die Kurschancen an den Aktienmärkten gründen einzig und alleine auf der Geldmengenausweitung der Notenbanken. Es bleibt abzuwarten, wie lange dieser Tanz auf dem Vulkan noch gut geht. In den vergangenen Jahren sind die Anleihepreise förmlich explodiert und die Zinsen sind entsprechend nach unten gegangen. Seit diesem Sommer scheint diese Mega-Bewegung zwar ein Ende zu nehmen – binnen weniger Wochen haben sich die Anleihezinsen der zehnjährigen US-Papiere auf knapp drei Prozent nahezu verdoppelt –, historisch betrachtet ist dies aber immer noch ein sehr moderater Wert.

In welche Märkte fließen die Anleihebillionen?

Wichtig ist vor allem zu erkennen, dass sich viele ausländische Investoren von amerikanischen Zinspapieren getrennt haben. Beginnt die amerikanische Notenbank Fed, die monatlichen Anleihekäufe zu drosseln, so stellt sich die Frage, wer dann die Schuldpapiere zukünftig erwerben wird. Angesichts der Unsicherheit über die Stärke der amerikanischen Konjunkturerholung dürften US-Treasuries erst bei deutlich höherem Zins wieder Investoren anlocken. Bis dahin muss die Frage gestellt werden, in welche Märkte diese Anleihebillionen abfließen werden – und ob sie dort eine massive Inflationierung zur Folge haben.

Gold wird dann seinen Trumpf als sicherer Hafen unter den Anlageklassen ausspielen. Die Nachfrage nach Edelmetallen wird meiner festen Überzeugung nach ungeachtet der jüngsten Preiskorrekturen steigen. Denn die Menschen vertrauen auf die „Währung der Jahrtausende“, die aufgrund von Seltenheit, industrieller Nutzung und Produktionsaufwand durch alle Zeiten hindurch einen „stabilen inneren Wert“ behalten hat. Der etwas sperrige Begriff „finanzielle Repression“ ist keine Wortschöpfung von Weltverschwörern, sondern längst Realität: Mit zinstragenden Anlageklassen verlieren die Sparer aufgrund der negativen Realzinsen Jahr für Jahr Vermögen.

Die Verwerfungen an den Edelmetallmärkten seit Mitte April haben ein besonderes Phänomen deutlich gemacht: Während institutionelle Anleger im Jahr 2013 massenhaft Gold verkauft haben, blieben Privatanleger „ihrem“ sicheren Hafen treu. Massive Abflüsse aus börsengehandelten Fonds auf der einen Seite, extrem hohe Privatkundennachfrage im Münchner Goldhaus und den übrigen Niederlassungen von pro aurum auf der anderen Seite. Laut Zahlen des World Gold Council standen im zweiten Quartal Abflüsse von 402 Tonnen aus börsennotierten Produkten der um 78 Prozent gestiegenen Nachfrage nach Münzen und Barren – überwiegend von Privatkunden – gegenüber. Letztere investieren weiterhin in Gold, um sich gegen Geldentwertung durch die ultralaxe Notenbankpolitik abzusichern. Einige Qualitätsmedien haben bereits die Frage gestellt: „Agieren Privatinvestoren klüger am Markt als milliardenschwere Hedgefondsmanager?“

Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des weltgrößten Goldnachfragers

So richtig „in Gold verliebt“ ist man in Asien und im arabischen Raum. Inder und Chinesen liefern sich in diesem Jahr ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Titel des weltweit größten Goldnachfragers. Der Bericht des World Gold Council für das zweite Quartal 2013 belegt diesen Nachfrageboom „made in asia“ besonders eindrucksvoll. So stieg in der Schmuckbranche die Goldnachfrage aus China und Indien gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 54 bzw. 51 Prozent. Noch ausgeprägter war der Appetit der Chinesen und Inder auf Goldbarren und -münzen, bei denen Wachstumsraten von 157 bzw. 116 Prozent erzielt wurden.