Hüfners Wochenkommentar 4 Gründe, warum die Börsen nicht unter dem EU-Zerfall leiden werden

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner

Es gibt eine Sorge, die sich wie ein roter Faden durch alle Prognosen für das Jahr 2017 zieht. Das ist die Befürchtung, dass die bevorstehenden Wahlen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und vielleicht auch Italien zu unangenehmen Überraschungen führen. Sie könnten den Weizen verhageln, der sich aus der insgesamt nicht schlechten wirtschaftlichen Entwicklung in diesem Jahr für die Kapitalmärkte ergibt. Sind die Ängste berechtigt?

Um meine Antwort vorweg zu nehmen. Ich glaube nicht. Richtig ist, dass 2017 zu einem Schicksalsjahr für die Entwicklung in Europa werden kann. Viele Stimmen oder gar eine Mehrheit für die Europa-Kritiker bei den Wahlen könnte die Zusammenarbeit in der Gemeinschaft erschweren. Sie könnte zu Volksbefragungen wie in Großbritannien führen. Im schlimmsten Fall könnte am Ende ein Mitglied die Gemeinschaft verlassen müssen. Das wäre noch schlimmer als der Brexit, weil dann nicht nur die EU betroffen wäre, sondern auch die Währungsunion und der Euro. Ganz abgesehen davon sind die Auswirkungen des um sich greifenden Populismus für das friedliche Zusammenleben in Europa nicht gut.

Das heißt aber nicht, dass die Börsen zwangsläufig darunter leiden müssten. Hierzu vier Gründe:

Erstens sind das in erster Linie politische Entwicklungen, nicht wirtschaftliche und monetäre (jedenfalls im Augenblick noch nicht). Die Börse kann daher getrost im Augenblick noch abseits stehen und braucht nicht darauf zu reagieren. Erst wenn die Wirtschaft direkt betroffen ist, weil etwa ein Mitglied austreten oder der Binnenmarkt gestört würde, ändert sich die Lage.

Zweitens: Natürlich wirken sich politische Veränderungen später auch auf die Wirtschaft aus. Bis das aber der Fall ist, dauert es in der Regel eine Weile. Das übersteigt derzeit aber den zeitlichen Horizont der Börse. So lange werden die Kapitalmärkte daher still halten.