Hüfners Wochenkommentar Brauchen wir wirklich mehr Investitionen?

Martin Hüfner ist Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management.

Martin Hüfner ist Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management.

// //

In der letzten Woche bekam ich eine interessante Mail. Könnte es nicht sein, so schrieb mein Kollege Christian Kreuser, dass die Märkte und die Politik mit ihrer Forderung nach mehr Investitionen auf dem Holzweg sind? Natürlich brauchen wir mehr Investitionen, um die Wachstumsschwäche zu überwinden.

Aber: Investitionen schaffen neue Kapazitäten. Damit wird mehr produziert. Das erhöht den Angebotsdruck auf den Märkten. Die Preise gehen zurück. Am Ende landen wir bei Deflation, die niemand haben möchte. Mit zusätzlichen Investitionen wird also letztlich der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben.

Das ist ein wichtiges Argument. Wenn es richtig ist, wird damit die ganze wirtschaftspolitische Philosophie aus den Angeln gehoben. Denn im Mittelpunkt aller Überlegungen zur Überwindung der Wachstumsschwäche stehen derzeit in der Tat die Investitionen. Viel mehr haben wir nicht in der Tasche.

Strukturreformen sind immer schwierig und schmerzlich. Staatliches "Deficit Spending" ist angesichts der hohen aufgelaufenen Verschuldung zahnlos geworden. Die Geldpolitik ist durch die viele Liquidität an ihre Grenzen gekommen. Wenn man jetzt nicht einmal mehr die Investitionen erhöhen darf, dann haben wir wenig Chancen, aus dem Dilemma herauszukommen.

Glücklicherweise ist das Argument aber nicht richtig. Der Grundfehler ist: Investitionen haben immer einen doppelten Effekt. Sie erhöhen nicht nur das Angebot, indem sie neue Kapazitäten schaffen. Sie vergrößern auch die Nachfrage.

Das Unternehmen muss die zusätzlichen Maschinen und Ausrüstungen kaufen, die es in der Produktion zur Herstellung neuer Güter einsetzen will. Bei der Beurteilung der Folgen von Investitionen muss man daher immer beide Effekte im Kopf haben und sie gegeneinander abwägen.

Aus Makrosicht ist der Nachfrageeffekt insgesamt sogar der wichtigere. Zum einen tritt er zeitlich früher auf. Das Unternehmen muss die Maschine erst erwerben, bevor es damit arbeiten kann. Vor dem deflationären Effekt durch mehr Kapazitäten kommt also der inflationäre Effekt durch mehr Nachfrage.

Zum Zweiten ist der Nachfrageeffekt pro Periode größer als der Angebotseffekt. Wenn eine Maschine 100.000 Euro kostet, wird sie nicht gleich im Jahr der Anschaffung Güter in Höhe von 100.000 Euro produzieren. Was sie tatsächlich bringt, hängt von den Gegebenheiten in den einzelnen Unternehmen, Branchen und Volkswirtschaften ab.

Die Volkswirte messen das mit dem Kapitalkoeffizienten (Relation des Kapitalbestandes zum Bruttoinlandsprodukt). Nimmt man einen Kapitalkoeffizienten in der Größenordnung von 3 an – was für europäische Industrieländer nicht ganz unrealistisch sein dürfte – so ergibt sich: Der Angebotseffekt ist gesamtwirtschaftlich nur ein Drittel so hoch wie der Nachfrageeffekt.

Zum Dritten: Jede Investition hat zwar einen Nachfrageeffekt, aber nicht alle haben einen Angebotseffekt. In Deutschland entfallen nach dem Investitionstest des ifo-Instituts von den gesamten Investitionen rund ein Viertel (27 Prozent) auf Ersatzbeschaffung.