Hüfners Wochenkommentar „Da droht neues Ungemach“

Martin Hüfner

Martin Hüfner

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Vor Kurzem las ich die neue Prognose der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley über die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Welt. Der Chefstratege der Bank, Joachim Fels, hat sie unter den Titel gestellt "Langweilig, aber besser" (Boring but better). Wer wollte sich darüber nicht freuen? Das Wachstum der Industrieländer stabilisiert sich. Die Deflationsbefürchtungen werden geringer, ohne dass es zu einer neuen Inflation kommt. Die Zinsen bleiben niedrig. Da kann sich zumindest der Aktienanleger getrost zurücklehnen. So gut war es schon lange nicht mehr.

Trotzdem plagt viele ein Bauchgrimmen. Ist die Welt wirklich so gut? Gemessen an den üblichen Zahlen sicher. Sie zeigen aber nur die Hälfte der Realität. Vor allem ist aus ihnen nicht ersichtlich, dass sich derzeit in der Welt ein neues Ungleichgewicht aufbaut. Es besteht darin: Realwirtschaft und Finanzmärkte haben den Krisenmodus verlassen, die Wirtschaftspolitik, vor allem die Währungspolitik jedoch noch nicht. Sie ist nach wie vor ultralocker. Das passt auf Dauer nicht zusammen. Da droht neues Ungemach.

Die ultralockere Geldpolitik und die hohen Staatsschulden waren richtig und notwendig, um die große Finanz- und Wirtschaftskrise zu bekämpfen. Sie haben das Schlimmste verhindert. Es kam – anders als in der Weltwirtschaftskrise vor 80 Jahren – nicht zu größeren politischen Verwerfungen. Dafür sollten wir dankbar sein.

Aber das ist jetzt Vergangenheit. Nach historischen Erfahrungen dauern solche Anpassungsprozesse bei Krisen des damaligen Ausmaßes rund vier bis fünf Jahre. Diese Zeit ist abgelaufen. Die Volkswirtschaften wachsen wieder. Strukturelle Verzerrungen vor allem an den Häusermärkten sind überwunden. Unternehmen sind wieder wettbewerbsfähiger. Banken haben Übertreibungen zurückgeführt und ihr Eigenkapital gestärkt.

Natürlich verläuft der Prozess regional unterschiedlich. Am weitesten fortgeschritten sind die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Kontinentaleuropa tut sich noch schwer. Die Krise ist hier noch nicht überwunden. Die Währungsunion ist jedoch auf dem richtigen Weg. Japan hat gerade erst angefangen, Deflation und Rezession zu verlassen.

Das ändert jedoch nichts an der grundsätzlichen Diagnose. Wir dürfen nicht glauben, dass jetzt wieder alles in Ordnung sei. Vielmehr müssen nun die Rahmenbedingungen, die zur Überwindung der Krise geführt haben, wieder auf "Normal" gestellt werden. Die Zinsen müssen wieder angehoben werden. Normal wäre, wenn sie sich in etwa auf der Höhe von Wachstum und Preissteigerung bewegen, also im Euroraum bei gut 2 Prozent, in den USA eher bei 4 Prozent.

Zu viel Liquidität
Basisgeld in Prozent GDP, USA

Quelle: Fred

Die Liquidität muss wieder zurückgeführt werden. Die Grafik zeigt die Entwicklung der Basisgeldmenge im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt in den USA in den letzten 50 Jahren. Die Relation könnte man die "volkswirtschaftliche Kassenhaltung" bezeichnen. Sie gehört zu den langfristigen Strukturkonstanten und lag in den letzten Jahrzehnten in den USA immer zwischen 5 Prozent und 10 Prozent. 2008 ist sie im Zuge der Krisenbekämpfung auf über 20 Prozent hochgeschnellt. Jetzt muss sie zurückkommen (gestrichelte Linie). Ähnliches gilt für andere Bereiche der Politik, wie etwa die viel zu hohen Staatsschulden.