Hüfners Wochenkommentar Das sind die unterschätzten politischen Risiken

Hüfners Wochenkommentar: Das sind die unterschätzten politischen Risiken

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Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assenagon Asset Management

Im ersten Halbjahr ist auf den Kapitalmärkten etwas passiert, was Wenige für möglich gehalten hätten.

Einerseits gab es so viele politische Unsicherheiten, wie noch selten zuvor. Die Liste reicht vom neuen US-Präsidenten bis hin zu den Wahlen in den Niederlanden und Frankreich, der chaotischen Brexit-Diskussion und den Spannungen in Nordkorea und dem Mittleren Osten.

 Jedes Ereignis hätte für sich genommen das Zeug gehabt, einen größeren Kursrutsch an den Kapitalmärkten auszulösen. Andererseits war es bei Aktien und Renten so ruhig wie schon lange nicht mehr. Die Anleger blieben unglaublich gelassen. Der Dax erreichte ein Allzeithoch nach dem anderen. Die Schwankungen der Kurse waren so niedrig wie schon sehr lange nicht mehr.

Werden die Risiken unterschätzt?

Economic Policy Uncertainty Index (ls) und Volatilitäsindex VIX (rs) Quelle: Fred

Wie passt das zusammen?

Dass politische Risiken die Kapitalmärkte belasten, ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Für Anleger gibt es nichts Schlimmeres als nicht zu wissen, was auf sie zukommt. Sie ziehen sich dann von ihren Investments zurück und warten auf bessere (= sichere) Zeiten.

Gleichzeitig verschlechtert sich die Qualität der wirtschaftlichen Entwicklung. Wenn Unternehmen nicht wissen, wo es lang geht, dann investieren sie weniger. Sie halten größere Kassenbestände als Reserve für die Zeit, wenn sich die Zukunftsperspektiven wieder aufhellen. Sie machen Aktienrückkäufe an der Börse, weil sie nicht mehr so viel Kapital benötigen.

All das war in den letzten Jahren sowohl in den USA als auch in Europa zu beobachten. Es hätte eigentlich dazu führen müssen, dass die Volatilität steigt und an der Börse weniger verdient werden kann.

Früher war das auch so.

Schauen Sie sich die Grafik an. Dort wird der „Index der ökonomischen Unsicherheit“ (entwickelt von Baker, Bloom und Davis in den USA) in den letzten 25 Jahren der Volatilität der Aktienmärkte gemessen am VIX gegenübergestellt. Die ökonomische Unsicherheit wird gemessen an der Häufigkeit, in der die Worte „Unsicherheit“, „ökonomisch“ und „politisch“ in wichtigen europäischen Zeitungen erwähnt werden.

Es zeigt sich, dass sich die beiden Linien bis zur großen Finanzkrise 2007/2008 weitgehend modellgerecht entwickelten. Immer wenn die Unsicherheit zunahm, stieg auch die Volatilität und es sanken die Aktienkurse. Immer wenn es politisch ruhiger wurde, nahmen auch die Schwankungen an den Märkten ab.

Seit 2010 hat sich das geändert. Die Unsicherheit stieg drastisch an, zuerst wegen der Eurokrise, dann wegen des Brexit-Referendums und der Wahl von Donald Trump. Gleichzeitig ging die Volatilität der Märkte aber zurück. Die Aktienkurse haussierten.