Hüfners Wochenkommentar “Die EZB tut, als sei es fünf vor zwölf“

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon

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Inflationsdaten sind immer wichtig. In diesen Monaten gilt das in besonderem Maße. Der Rückgang der Geldentwertung hat die EZB Anfang Juni dazu veranlasst, eine "dicke Bertha" auszupacken. Sollte die Inflationsrate nicht bald wieder ansteigen, wird sie weitere Maßnahmen ergreifen. Geht die Preissteigerung dagegen wieder nach oben, dann müssen sich die Märkte darauf einstellen, dass die EZB weniger aggressiv wird.

Bei einem so wichtigen Fakt sollte man eigentlich annehmen, dass es keine Fragen offen lässt. Umso erstaunlicher ist, wie viele Fallstricke und Missverständnisse es hier immer noch gibt. Zeit für ein paar Klarstellungen.

Beginnen wir mit dem Selbstverständlichen: Es geht in Europa nicht um Deflation, also um sinkende Preise. Güter und Dienste verteuern sich weiterhin, nur nicht mehr so stark. Die Ampeln stehen nicht auf rot (= es muss gehandelt werden), sondern auf gelb. Die EZB tut manchmal so, als sei es schon "fünf vor zwölf".

Ebenfalls offensichtlich: Die Geldpolitik kann sich bei ihrem Kampf gegen die zu niedrige Inflation nicht auf ein breites öffentliches Mandat stützen. Im Gegenteil. Die Öffentlichkeit ist davon wenig begeistert. Den meisten Deutschen wären niedrigere Preise lieber als niedrigere Zinsen. In den südeuropäischen Schuldnerländern sind niedrigere Preise eine Kompensation für die Kürzung von Löhnen und staatlichen Leistungen in den letzten Jahren. Die Menschen freuen sich darüber.

Die mangelnde öffentliche Unterstützung macht die Aufgabe der EZB nicht leichter. Sie kann sich zwar formal auf den Gesetzestext berufen, dass die Inflation nahe, aber unter 2 Prozent sein soll. Das ist jedoch dünnes Eis. Die EZB kann nicht mit dem öffentlichen Rückenwind agieren, den sie zum Beispiel bei der Rettung des Euros hatte. Das ist ein Handicap.

Falsch oder besser irreführend ist, was in manchen statistischen Veröffentlichungen zu lesen ist: Nämlich, dass die Inflation deshalb zurückgeht, weil Energie und Nahrungsmittel billiger werden. Man muss sich nur einmal die "Kernrate der Inflation" anschauen, in der die Statistiker Energie und Nahrungsmittel herausrechnen. Sie steigt kaum mehr als die tatsächliche Rate (0,8 Prozent verglichen mit 0,5 Prozent). Öl ist auf den Weltmärkten in den letzten zwölf Monaten um 6 Prozent teurer geworden, Erdgas um fast 20 Prozent.

Es sind die Einfuhrpreise, die die Inflation drücken
Verbraucherpreise und ihre Einflussfaktoren, Deutschland

Quelle: Bundesbank


Richtig ist, dass die Inflation im Spannungsfeld unterschiedlicher Kräfte steht. Siehe die Grafik für das Beispiel Deutschland. Auf der einen Seite steigen die Löhne kräftig an, derzeit um über 3 Prozent. In immer mehr Branchen gibt es Kapazitätsengpässe. Das treibt die Geldentwertung in Deutschland nach oben, indirekt aber auch in Europa.

Auf der anderen Seite sinken die Einfuhrpreise, seit Anfang vorigen Jahres um 2 Prozent. Das hängt zum Teil mit der Austeritätspolitik in Südeuropa zusammen. Sie lässt dort die Preise zurückgehen und führt in Deutschland zu billigeren Importen. Hinzu kommt die Aufwertung des Euros auf den Devisenmärkten. Sie belief sich im Schnitt in den letzten zwölf Monaten auf 5 Prozent. Das dämpft die Inflationsrate.