Hüfners Wochenkommentar Die Undercover-Abwertung

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

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In Anlehnung an einen Satz von Berthold Brecht ist man geneigt zu sagen: Stell Dir vor es gibt einen Crash und keiner merkt es. Zwischen den zwei größten Währungen der Welt vollzieht sich derzeit eine Wertverschiebung, wie es sie schon lange nicht mehr gegeben hat. Der Euro hat sich in den letzten zwölf Monaten gegenüber dem US-Dollar um 17 Prozent abgeschwächt. Er liegt auf dem niedrigsten Wert seit zehn Jahren.

Früher hätte das hektische Betriebsamkeit von Notenbankern und Finanzministern mit Nachtsitzungen und nervösen Börsen ausgelöst. Und jetzt? Kaum jemand nimmt es zur Kenntnis. Die Welt geht weiter fast als ob nichts sei. Was ist da los?

Nach der Theorie haben Auf- und Abwertungen zwei Effekte. Der eine betrifft die Inflation. In der aufwertenden Währung gehen die Importpreise zurück und die Geldentwertung sinkt. In der abwertenden Währung steigen die Einfuhrpreise und die Inflation nimmt zu. Die Entwicklung, die wir derzeit in den USA beobachten, "stimmt". Die Preissteigerung ist in den letzten Monaten auf 0,7 Prozent gefallen. In Europa läuft es dagegen "falsch". Die Preissteigerung geht nicht hoch, sondern runter. Sie liegt jetzt bei minus 0,6 Prozent. Das passt nicht ins Modell.

Es lässt sich freilich leicht erklären. Die Zahlen sind durch die Entwicklung auf den Ölmärkten verzerrt. Wenn der Ölpreis um 50 Prozent fällt, wie das zeitweilig der Fall war, dann schlägt das natürlich sehr viel stärker durch als eine Abwertung um 17 Prozent. Immerhin ist die Ölpreissenkung, die in Euroland ankam, wegen der Wechselkursentwicklung deutlich kleiner als die in den USA. Wenn es keine Abwertung gegeben hätte, wären die Benzinpreise hierzulande noch niedriger. In Europa ist die Deflation daher erheblich kleiner als sie sonst wäre. Das "passt" also.

Die zweite Wirkung betrifft den Außenhandel. Nach der Theorie müssten die Europäer durch die Abwertung ihre Waren im Ausland billiger anbieten können. Der Export müsste steigen. Umgekehrt werden die Importe teurer. Sie müssten zurückgehen. Spiegelbildlich müssten die Amerikaner weniger ausführen und dafür mehr einführen.

Wann wirkt die Abwertung?
Wachstum der Exporte, Euroland, in Prozent gegenüber Vorjahr (Euro/Dollar-Wechselkurs)

Quelle: Bundesbank, EZB

Das was in den Statistiken zu beobachten ist, passt aber gar nicht in die Theorie. Schauen Sie sich die Grafik an. Da zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen dem europäischen Export und der Entwicklung des Euro/Dollar-Kurses kaum bis gar nicht zu sehen ist. Die Ausfuhren von Euroland ziehen schon lange vor dem Beginn der Abwertung an. Ähnlich bei den Importen und ähnlich auch in den USA.