Hüfners Wochenkommentar Fallstricke für Anleger: 3 „bemerkenswerte Beobachtungen“ zur Volatilität

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Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assenagon Asset Management

So viel Bewegung an den Finanzmärkten wie Anfang dieser Woche gab es selten. Der Dax erhöhte sich nach den französischen Wahlen an einem Tag um mehr als 3 Prozent, der französische CAC 40 sogar um über 4 Prozent. Die Rendite 10-jähriger Bundesanleihen ging von 0,27 Prozent auf 0,38 Prozent nach oben. Der Euro-/Dollarkurs stieg von 1,07 auf 1,09.

Und was tat der Index, der die Schwankungen an den Finanzmärkten messen soll? Er schoss nicht etwa, wie man hätte vermuten können, nach oben. Er brach im Gegenteil kräftig ein. Er signalisierte also abnehmende Bewegungen. Der bekannteste Volatilitätsindex, der amerikanische VIX, ermäßigte sich um 31 Prozent (von 16 auf 11), der deutsche VDAX-NEW um fast 30 Prozent (von 21 auf 15). Da kann doch etwas nicht stimmen.

Tut es auch nicht. Das liegt aber nicht daran, dass hier falsch gerechnet wurde, wie mir ein Leser dieses Wochenkommentares schrieb. Der Grund liegt vielmehr daran, dass der Volatilitätsindex ganz anders konstruiert ist. Theoretisch misst er zwar die Schwankungen der Märkte symmetrisch nach oben und nach unten. In der Praxis schaut er aber primär in eine Richtung, nämlich nach unten. Er ist, wie man sagt, ein „Indikator der Angst“.

Der „Indikator der Angst“

Wie das kommt? Ganz einfach. Der VIX errechnet sich als gewichteter Durchschnitt der Preise für Optionen auf den Aktienindex. Optionen sichern die Kursbewegungen an den Märkten nach oben und/oder nach unten ab. In der Praxis werden sie aber primär dann gekauft, wenn die Gefahr eines Rückschlages bei den Aktien steigt. Dann wollen Anleger ihre Positionen gegenüber Kursverlusten sichern. Die Preise der Optionen gehen nach oben und damit auch der VIX.

Wenn die Gefahr eines Rückschlages abnimmt, wie das nach der Erleichterung über den Sieg Macrons bei den französischen Wahlen der Fall war, dann nimmt der Umsatz von Optionen ab. Zum Teil werden sie auch verkauft. In jedem Fall gehen ihre Preise zurück und der Volatilitätsindex fällt.

Volatilität zu niedrig?

Entwicklung des VIX seit 1990:

Quelle: yahoo.de; Daten von 2. Januar 1990 – 25. April 2017: Grafik: Assenagon Asset Management

Wer die Schwankungen an den Märkten nach oben und nach unten messen will, muss sich daher nach anderen Indizes umschauen. Die gibt es. Der Chicago Board of Options Exchange CBOE veröffentlicht beispielsweise den sogenannten SKEW-Index für den amerikanischen Markt. Er ist so konstruiert, dass er die Risiken nach beiden Seiten besser gewichtet. Der SKEW-Index ist nach den französischen Wahlen nicht gefallen, sondern gestiegen. 

Heißt das nun, dass man mit den üblichen Volatilitätsindizes wie dem VIX nichts anfangen kann? Natürlich nicht. Man muss sie nur richtig interpretieren. Wenn man sich die Entwicklung in einem längerfristigen Kontext anschaut (siehe Grafik), dann ergeben sich ein paar bemerkenswerte Beobachtungen.