Hüfners Wochenkommentar „Flüchtlinge wirken wie ein Konjunkturprogramm“

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon Asset Management

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assénagon Asset Management

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Was bei allen Schwierigkeiten über die Unterbringung und Integration der Flüchtlinge oft vergessen wird:

Wenn in diesem Jahr so viele Menschen nach Europa kommen, dann schafft das rein wirtschaftlich gesehen Wachstum, Arbeitsplätze und Mehreinnahmen für die Sozialversicherungen. Es wirkt wie ein riesiges Konjunkturprogramm und gibt auch mittelfristig Hoffnung auf neue wirtschaftliche Dynamik. Die Prognosen für die weitere Entwicklung Europas in 2015/2016 können trotz des schlechteren weltwirtschaftlichen Umfelds nach oben revidiert werden.
Das klingt angesichts der vielen Klagen über den Flüchtlingszustrom auf den ersten Blick überraschend. Es ist jedoch eine uralte Erkenntnis der Wissenschaft, dass die Bevölkerung eine der entscheidenden Determinanten der wirtschaftlichen Entwicklung ist. Bevölkerungsreiche Länder haben unter sonst gleichen Umständen ein größeres Sozialprodukt (siehe China oder Indien). Länder mit hohem Bevölkerungswachstum haben normalerweise auch eine höhere wirtschaftliche Dynamik. Die Grafik zeigt die Entwicklung in Deutschland in den letzten 35 Jahren. Der Zusammenhang ist klarer erkennbar, als ich gedacht hatte. Angewandt auf den derzeitigen Flüchtlingszustrom heißt das:

Erstens steigt die Nachfrage
. Es handelt sich hier um Konsumgüter zur Versorgung der Menschen, wenn sie hier ankommen und leben. In vielen Städten sind die Läden voll von Flüchtlingen (die ja nicht alle unvermögend sind). Dazu kommen die Bereitstellung von Wohnungen, Möbel, Transport, aber auch Sprach- und Integrationskurse. Weitere Nachfrage entsteht durch notwendige Neueinstellungen in der Verwaltung.

All das wird in der öffentlichen Diskussion immer nur unter „Kosten“ subsumiert. Für die Volkswirtschaft ist es aber Nachfrage. Über die Höhe gibt es bisher keine verlässlichen Zahlen. Häufig wird für Deutschland eine Größenordnung von 10 Milliarden Euro genannt. Ich halte das eher für die Untergrenze. Das wären 0,3  Prozent bis 0,5  Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Wirtschaftsleistung würde in Deutschland 2016 also nicht um 1,7  Prozent wachsen, sondern um mehr als 2  Prozent. Ähnlich für andere Länder in Europa.

Zweitens: Das Arbeitsangebot nimmt zu. Das wird sich allerdings erst längerfristig auswirken. Es betrifft auch nur die Flüchtlinge, die bleiben und arbeiten dürfen. Kurzfristig wird es an den Arbeitsmärkten also wegen der Mehrnachfrage auf den Gütermärkten enger. Erst dann steigt die Zahl der Erwerbstätigen. Es ist aber nicht zu erwarten, dass am Ende die Arbeitslosigkeit zunehmen wird. Dafür gibt es zu viele unbesetzte Stellen in den Unternehmen.

Drittens: In den öffentlichen Haushalten nehmen zuerst die Ausgaben zu. Darüber klagen jetzt die Finanzminister. Wenn die Flüchtlinge aber arbeiten können, zahlen sie auch Steuern und entlasten die Budgets. Besonders die Sozialversicherungen werden Mehreinnahmen haben und Überschüsse erwirtschaften. Denn die Flüchtlinge sind vor allem jüngere Leute, die erst in vielen Jahren in Rente gehen. Insgesamt dürfte die von der Regierung angestrebte „schwarze Null“ in den öffentlichen Haushalten durch die Mehrausgaben für die Flüchtlinge nicht gefährdet sein.