Hüfners Wochenkommentar Überraschungen in der Lohnpolitik

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon Asset Management

// //

Damit hatte ich nicht gerechnet. In der Metall- und Elektroindustrie wird es in diesem Jahr den höchsten Reallohnzuwachs seit Langem geben. Die Tarifpartner vereinbarten, Löhne und Gehälter um 3,4 Prozent zu erhöhen. Dazu kommen noch ein paar Nebenleistungen. Zusammen mit einer Preissteigerung, die kaum über Null hinaus geht, ergibt sich ein Anstieg der Reallöhne um 3,5 Prozent.

Damit wurde ein dicker Pflock in die tarifpolitische Landschaft des Jahres eingerammt. Sicher kann man das Ergebnis nicht eins zu eins auf die Gesamtwirtschaft übertragen. Im Dienstleistungsbereich und im öffentlichen Dienst ist die Produktivitätssteigerung als Basis für die Erhöhung der Löhne niedriger. Aber man geht wohl nicht fehl in der Annahme, dass die Tarifverdienste in der Gesamtwirtschaft in diesem Jahr preisbereinigt um 3 bis 3,5 Prozent zunehmen werden. Auch das ist sehr viel. Vor einem Jahr waren es gerade einmal 2 Prozent.

Das passt so gar nicht in den Chor der Klagen über schwaches Wachstum und Deflation, der heute en vogue ist. Sind die Lohnabschlüsse überzogen oder sind die gesamtwirtschaftlichen Bedingungen besser als bisher angenommen? Ich glaube, dass Letzteres der Fall ist. Wir müssen umdenken.

Die Lohnerhöhungen zeigen, dass die Befürchtungen einer sich selbst beschleunigenden Deflation nicht gerechtfertigt sind. Die Pessimisten der Europäischen Zentralbank (EZB) haben nicht Recht. Der Rückgang der Preise führt nicht zu einer entsprechenden Verringerung der Löhne. Zumindest die Tarifparteien haben weiterhin positive Inflationserwartungen.

Aber nicht nur das: Die Lohnsteigerungen sind auch ein Indiz, dass die Inflation trotz der niedrigen Ölpreise und unabhängig von der ultralockeren Geldpolitik wieder zunehmen wird. Die Arbeitskosten steigen schneller. Dann müssen auch die Preise nach oben gehen.

Hohe Reallöhne fördern auch das Wirtschaftswachstum. Die Arbeitnehmer können mehr konsumieren. Und das tun sie auch. Im Januar sind die deutschen Einzelhandelsumsätze um über 5 Prozent gestiegen. Bereits im letzten Jahr war der private Verbrauch die wichtigste Triebkraft der Konjunktur. Das ist eine ganz neue Erfahrung für Deutschland. In der Vergangenheit waren Aufschwünge immer vom Export getragen. Der Konsum kam erst in der Spätphase des Zyklus ins Spiel. Jetzt ist das offenbar bereits in der Anfangsphase der Fall. Insgesamt rechne ich damit, dass die Wirtschaftsleistung in Deutschland in diesem Jahr nicht um 1 Prozent zunehmen wird, wie ursprünglich erwartet. Ich erwarte eher 2 Prozent, vielleicht sogar mehr.

Natürlich erhöht sich der Kostendruck in den Unternehmen. Das war früher immer ein wichtiges Argument gegen zu hohe Lohnsteigerungen. Jetzt fällt es nicht so stark ins Gewicht. Gegenüber Wettbewerbern auf den Märkten des Euroraums haben deutsche Exporteure aus den vergangenen Jahren immer noch einen erheblichen Vorsprung. Er wird nicht durch eine einmalige Lohnerhöhung aufgezehrt. Gegenüber der Konkurrenz in Drittländern hilft die Abwertung des Euros. Negative Effekte auf den Export sind hier zunächst nicht zu befürchten.