Hüfners Wochenkommentar Was kommt nach „America First“?

Martin Hüfner

„America First“ war die Story für die Kapitalmärkte im ersten Halbjahr. Es hieß mehr Wachstum, mehr Unternehmensgewinne und mehr Inflation nicht nur für die US-Wirtschaft, sondern auch für große Teile im Rest der Welt. Die Börsen haben das durch ein Kursfeuerwerk honoriert, wie wir es schon lange nicht mehr erlebt haben. Von November bis Juni stieg der amerikanische S&P 500 um 17 Prozent, der Dax sogar um 25 Prozent.

Jetzt bröckelt der Lack an „America First“.  Das gilt für die Politik genauso wie für die Finanzmärkte. Die Aktienkurse sind im Juni und Juli kaum mehr gestiegen (allerdings auch nicht gefallen). Was kommt nun?

Zunächst sollte man „America First“ noch nicht ganz abschreiben. Die Steuersenkungen und die Ausgabensteigerungen werden zwar nicht in dem erwarteten Maße kommen. Damit entfallen die „Reflation Trades“, die die Fantasie der Anleger so angeregt hatten. Nach wie vor gibt es aber das Thema Deregulierung. Es ist sicher nicht so sexy, weil es sich hier um technische Einzelheiten der Märkte handelt. Es wird aber auf Dauer die Gewinne der Unternehmen positiv beeinflussen, nicht zuletzt die der Banken.

Hinzu kommt, dass die Konjunktur in den Vereinigten Staaten nicht so gut läuft, wie sich das viele erhofft hatten. Das Wachstum ist aber ordentlich (2 Prozent bis 2,5 Prozent), nicht zuletzt getrieben von der Dynamik der Weltwirtschaft. Das hilft den Märkten.

Quelle: Fred, Bundesbank

Die große Story, die die Fantasie der Anleger beflügelt, ist es aber nicht. Sie muss von woanders kommen. Was einem da einfällt, ist Europa. Hier gibt es viel Nachholpotenzial. Die Grafik zeigt, dass die Aktienkurse in den USA in den letzten 30 Jahren lange Zeit relativ parallel zum Dax (als repräsentativem Index für Europa) gelaufen sind. Erst seit der großen Finanzkrise hat sich eine größere Lücke aufgetan. Der Dax fiel wegen der Eurokrise weit hinter den S&P 500 zurück. Da ist eine Differenz von unglaublichen 75 Prozent aufgelaufen. Selbst wenn nicht alles realisiert wird, zeigt dies die Chancen, die sich dem Anleger bieten, wenn „America First“ durch „Europe First“ abgelöst werden sollte.