Hüfners Wochenkommentar Wird England die neue Schweiz?

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner

Assenagon-Chefvolkswirt Martin Hüfner

// //

Wenn Großbritannien aus der Europäischen Union austritt, muss es sich einen neuen Platz in der Welt suchen. Manche denken hier an die Schweiz. Wäre das eine Option?

Auf den ersten Blick ist das Modell Schweiz für die Briten ein Traum. Es zeigt, wie man in Europa auch ohne Mitgliedschaft in der EU politisch unabhängig und wirtschaftlich erfolgreich sein kann. Das gilt nicht nur für die reale Wirtschaft. Zürich und Genf sind große und effiziente internationale Finanzplätze. Die Schweiz hat kaufkraftbereinigt ein um fast 40 % höheres Pro-Kopf-Einkommen als derzeit Großbritannien.

Ich glaube allerdings, dass es ein – vielleicht ewiger – Traum für die Briten bleiben wird. Das liegt zum einen daran, dass das Schweizer Modell in der Praxis schwer zu realisieren ist. Es enthält zudem Elemente, die die Briten nicht haben wollen. Die Volkswirtschaften beider Länder sind schließlich so grundverschieden, dass es kaum vorstellbar ist, sie in "einen Topf" zu werfen.

Pfund und Franken

Euro ggü. GBP (ls) und CHF (rs), Eurowerte vor 1999 aus DM abgeleitet



Quelle: Bundesbank

Konkret: Was die Realisierung des Schweizer Modells angeht, so ist zu bedenken, dass der Zugang der Eidgenossen zum Binnenmarkt durch ein sehr kompliziertes System von über 120 bilateralen Verträgen geregelt ist. Ein solches System auszuhandeln ist schwierig und zeitaufwendig. Es bedarf auf britischer Seite auch der entsprechenden Fachleute. Die gibt es derzeit aber nicht. Seit 30 Jahren werden Handelsfragen nicht mehr in London, sondern nur noch in Brüssel ausgehandelt. Angeblich gibt es nur noch 35 Frauen und Männer auf der Insel, die sich mit der Materie auskennen. Gebraucht würden 700 bis 800.

Es ist zudem zu vermuten, dass die Briten den Schweizer Weg gar nicht gehen wollen. Sie müssten die Binnenmarktregeln nämlich akzeptieren, ohne sie wie bisher selbst beeinflussen zu können. Das wäre gerade im Bereich der Finanzdienstleistungen schmerzlich. Bisher konnten die Briten diese Regeln aktiv mitgestalten. Der für Finanzdienstleistungen zuständige Kommissar war in den letzten Jahren ein Brite.

Eine vielleicht noch bittere Pille für die Briten wäre, dass die EU für die Teilnahme am Binnenmarkt die Einhaltung der Arbeitnehmerfreizügigkeit fordert. Die von London bei einem Brexit geplante Beschränkung des Zuzugs auch von Menschen aus Ländern der EU wäre damit nicht mehr möglich. Die Schweiz hat nach der Volksabstimmung über die Einführung von Kontingenten für Einwanderer große Schwierigkeiten mit der EU, die immer noch nicht gelöst sind.