Hüfners Wochenkommentar Zehn Überraschungen des Jahres 2015

Martin Hüfner

Martin Hüfner

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Auch bei Überraschungen gibt es Überraschungen. Vor zehn Jahren habe ich zum ersten Mal die "Zehn Überraschungen des kommenden Jahres" geschrieben. Seitdem gab es jedes Mal ein oder zwei Punkte, die dann tatsächlich eingetreten sind.

Im letzten Jahr erschienen mir alle Punkte so unwahrscheinlich, dass ich mich darauf einstellte, keinen "Treffer" zu landen. Es kam aber anders. 2014 gab es sogar mehr Entwicklungen, mit denen so kaum jemand gerechnet hatte: Die starke Abschwächung der Konjunktur in Deutschland, der Absturz des Ölpreises und die Einführung von negativen Zinsen. Alles waren Punkte in meinen Überraschungen des Jahres 2014.

Ich sehe das nicht als Ergebnis hellseherischer Kräfte. Denn was ich hier schreibe, sind keine Prognosen. Es zeigt aber, dass es vielleicht doch nicht ganz unnütz ist, sich Gedanken darüber zu machen, was alles anders als gedacht kommen könnte. Auch die folgenden Punkte sind wie immer keine Prognosen. Es sind Beispiele für Gedankenexperimente, um den Horizont zu erweitern. Sie sollen wie jedes Mal kein in sich konsistentes Bild ergeben.

Erstens: Statt Aufschwung gibt es Rezession in der Welt. Die Arbeitslosigkeit steigt an. Die Preise sinken. Verbraucher reduzieren ihre Nachfrage, weil sie auf noch niedrigere Preise hoffen. Es kommt zu einer sich selbst verstärkenden Abwärtsbewegung. Die Zentralbanken müssen machtlos zusehen, da sie ihr Pulver schon verschossen haben. Schließlich kommt Saudi-Arabien zu Hilfe, indem es die Ölförderung kürzt. Die Ölpreise steigen. Die Deflation ist zu Ende.

Zweitens: Die Wachstumslokomotive USA gerät ins Stocken. Es zeigt sich, dass selbst ein so großes und starkes Land wie die Vereinigten Staaten nicht in der Lage ist, die Weltwirtschaft insgesamt zu ziehen. Das amerikanische Wirtschaftswachstum fällt zuerst auf 2 Prozent zurück, dann auf 1 Prozent. Die Zentralbank verschiebt die geplante Zinserhöhung. Sie beginnt wieder Wertpapiere zu kaufen. Auf den Devisenmärkten schwächt sich der Dollar ab. Ende 2015 liegt er bei 1,50 Dollar je Euro.

Drittens:
In Frankreich setzt Präsident Hollande dank seiner präsidentiellen Befugnisse ein weitreichendes Reformprogramm durch. Seine Popularität geht noch mehr in den Keller. Schließlich tritt er zurück. Aber dem Land geht es überraschend schnell besser. Das Bild Hollandes in der Öffentlichkeit wandelt sich. Er geht in die Geschichte ein, als einer der besten und mutigsten Präsidenten.

Viertens:
In Europa wird eine zweite Währung eingeführt. England tritt aus der EU aus. Es schließt sich mit Norwegen, Schweden und Dänemark zu einer neuen Gemeinschaft zusammen. Die Länder gründen auch eine eigene Währung. Die baltischen Staaten finden das so attraktiv, dass sie sich anschließen. Die übrigen Euroländer sind geschockt. Andererseits entsteht ein Wettbewerb der zwei Währungen in Europa. Italien und Frankreich verstärken ihre Reformanstrengungen, damit "ihr" Euro nicht zurückfällt.