Öko-Pionier im Gespräch „In manchen ethisch-ökologischen Portfolios lauern böse Überraschungen“

Der Bart ist geblieben, das Haupthaar nicht so: Ökoworld-Vorstand Alfred Platow wirbt seit nunmehr Jahrzehnten für nachhaltige Geldanlagen | © Ökoworld

Der Bart ist geblieben, das Haupthaar nicht so: Ökoworld-Vorstand Alfred Platow wirbt seit nunmehr Jahrzehnten für nachhaltige Geldanlagen Foto: Ökoworld

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Die Hildener Fondsgesellschaft Ökoworld fährt das strengste Regime, wenn es darum geht, Unternehmen auszusortieren. Das zeigt ein Bericht der „Finanztest“, die nachhaltige Aktienfonds auf Ausschlusskriterien abklopfte. Der Aktienfonds Ökovision (ISIN: LU0061928585) erreichte volle Punktzahl. Grund genug für ein paar Fragen an Vorstandschef, Sozialpädagoge und Pazifist Alfred Platow.

DAS INVESTMENT: Wenn man etwas vor anderen gemacht hat, und das plötzlich zum breiten Trend wird, gibt es zwei Möglichkeiten: a) Man ist genervt, weil man das Gebiet nicht mehr für sich allein hat. b) Man freut sich, dass die anderen die eigene Meinung teilen.

Alfred Platow: Genervt bin ich davon überhaupt nicht. Es ist gut, dass mehr Bewusstsein entstanden ist und sich etwas bewegt. Aber nicht alle, die sich nun auf den Marketingzug der Nachhaltigkeit aufgeschwungen haben, sind ernsthaft dabei. Das stört mich natürlich schon, weil Anleger hier für dumm verkauft werden. Wenn der Anleger ethisch-ökologisch anlegen möchte, darf in Produkten, die sich dies auf die Fahne schreiben, keine böse Überraschung zu finden sein. Ich erinnere an Tepco und BP.

Haben Sie eine Anekdote, wie Ihre Öko-Anlagen in den Anfängen ankamen?

Platow: Unsere ersten Gehversuche waren Versicherungen für Naturkostläden und andere sogenannte Ökobuden. Wir wollten denen helfen. In den 70er-Jahren begann ich gemeinsam mit meinem Kompagnon Klaus Odenthal, einem Mathematiker, Versicherungen für sozial bewegte Firmen zu verkaufen. „Alfred & Klaus – kollektive Versicherungsagentur“ hieß unser gemeinsames Unternehmen. Unser Firmensitz war eine Garage in Hilden. Wir berieten die Öko-Szene, versuchten, Versicherungen für Naturkostläden und andere Ökobuden abzuschließen.

Zudem überzeugten wir die Versicherer, die Mittel der von uns betreuten Firmen nachhaltig zu investieren. Das war nicht immer einfach: Zum einen reagierten Versicherer eher distanziert auf die potenzielle neue Kundengruppe der langhaarigen Spinner. Zum anderen war ich ihnen auch etwas suspekt, da ich schon damals Rauschebart trug und dazu Birkenstocksandalen. Eines kann ich garantieren – damals wie heute: Wir blieben immer hartnäckig und glaubwürdig.

Sie waren schon immer ganz schön öko. Wie weit sind Sie gegangen?

Platow: Ich war Teil der Öko-Bewegung der 70er- und 80er-Jahre, habe mich lange in Autonomen-Kreisen bewegt und war in der Hausbesetzer-Szene aktiv. Aber ich war nie gewaltbereit und habe auch nie in einem besetzten Haus gewohnt, aber ich habe Dinge organisiert. Einmal haben wir in Düsseldorf eine Straßenbahn besetzt. Damit habe ich dafür gesorgt, dass nach einer Räumung eines Hauses in der Suitbertusstraße die elf Mütter mit ihren Kindern aus dem Polizeipräsidium wieder in die Freiheit entlassen wurden. Ich fuhr zur Uni, stieg in der Mensa auf einen Tisch und sagte, wir brauchen Hilfe. Wir organisieren jetzt eine Blockade, besetzen eine Straßenbahn. 150 Leute kamen zusammen und legten den Verkehr vor dem Polizeipräsidium für mehrere Stunden lahm.

Werden Sie und Ökoworld heute anders wahrgenommen als in den 90ern?

Platow: Auf jeden Fall. Man hat erkannt, dass wir ein professioneller Asset Manager sind und kein Bioladen. Aber das Schöne ist, dass wir ein Asset Manager sind, der den Qualitätsanspruch eines Bioladens hat. Und daran halten wir fest. Wir sehen uns als Zukunftsmanager, der sich zwar weiterentwickelt und auch die Investmentchancen der Industrie 4.0 auf dem Radar hat, aber nicht seinen Kriterien untreu wird.

Ist die Idee des nachhaltigen Anlegens heute ausgereift?

Platow: Ich werde oft gefragt, ob die ethisch-ökologische Geldanlage boomt. Ich denke, dass ja und nein die passende Antwort ist. Wenn man den gesamten Kapitalmarkt betrachtet, ist der Anteil immer noch sehr gering. Ich würde den ehrlichen Marktanteil – ohne das Greenwashing von Deutscher Bank & Co. – auf vielleicht 1,5 Prozent schätzen. Aber diese Art des Investierens wird immer beliebter. Auch weil die Menschen sehen, dass sich damit durchaus eine gute Rendite erwirtschaften lässt.