„In zwei bis drei Jahren wird Solarstrom in Japan billiger als Atomkraft sein“

Christofer Rathke, Frank Huttel (v.l.)

Christofer Rathke, Frank Huttel (v.l.)

// //

Huttel ist Leiter Portfoliomanagement der Finet Asset Management AG und Manager des Fonds Asien Solar & Wind. Rathke ist Geschäftsführer von Arcane Capital Advisors und als Berater für den Fonds mitverantwortlich. DAS INVESTMENT.com: Nach der AKW-Katastrophe in Japan ist in Deutschland die Diskussion um den Atomausstieg neu aufgeflammt. Wie sieht es denn in Japan selbst aus? Wie hoch ist dort der Anteil von Kernenergie am gesamten Energiemix?

Christofer Rathke: In Japan macht Atomstrom etwa 25 Prozent des Strommix‘ aus. Zeitweilig waren es auch 30 Prozent, aber in den Vorjahren mussten Versorger wiederholt einige Reaktoren runterfahren, weil es Störfalle gab. Trotzdem plante die Regierung 2008 bereits, den Atomstromanteil bis 2020 durch den Bau vieler neuer AKWs auf 50 Prozent zu steigern. Auch wollte man vermehrt verbrauchtes Uran zu einer Uran-Plutonium-Mischung wiederverwerten. Einige von diesen Brennstäben liegen nun rauchend in Fukushima.

DAS INVESTMENT.com: Und wie hoch ist der Anteil alternativer Energien?

Rathke: Verschwindend gering. Genaue Zahlen für 2010 gibt es noch nicht. Aber wir schätzen, dass Wind und Sonnenenergie 2010 gemeinsam weniger als 0,3 Prozent zum japanischen Strommix beigetragen haben. In Deutschland waren es rund 10 Prozent. Das gebirgige Japan hat im Gegensatz zu Deutschland viele Wasserkraftwerke, die zusammen etwa 10 Prozent zum Strommix beitragen. Das Problem: In Dürrejahren standen die Staubecken Japans oft fast leer. Also ist die Wasserkraft auch keine stabile Energiequelle.

DAS INVESTMENT.com: Dabei verfügen die Japaner doch über hochentwickelte Technologien, insbesondere im Solarenergie-Bereich. Wie kommt es, dass der Solarstrom in ihrem nationalen Energiemix keine große Rolle spielt?

Rathke: Aufgrund energiepolitischem Larifari und Korruption. Japans atomlastige Versorgerindustrie ist genau so stark verfilzt mit der Regierung wie jene in Frankreich. Das nationale Versorgerkartell hat sich in den vergangenen 10 Jahren vehement gegen eine vermehrte Einspeisung von Photovoltaik- und Windstrom ins Netz gewehrt. Mit dem Argument, dass die Netzinfrastruktur des Landes dafür nicht angelegt und dass diese Energiequellen zu instabil seien. Bemühungen, das Netz dementsprechend zu verbessern, wurden nicht unternommen. China ist hier Japan weit voraus und hat bereits eine installierte Windkraftkapazität, die zehnmal größer ist. Dabei hat Japan mit seinen langen Küsten geradezu perfekte Voraussetzungen für weitflächige Offshore Windfarmen, die eine kontinuierliche und stabile Stromversorgung sichern könnten.

DAS INVESTMENT.com: Lassen sich die Japaner also auch hier von den Chinesen überholen?

Rathke: Japan war bis Anfang des letzten Jahrzehnts Weltführer in der Photovoltaik-Industrie. Dann wurde dort die Branche immer weniger gefördert. Deutschland und China rückten in den Vordergrund. Nachdem Japan Marktanteile gegen China verlor und auf der Kostenseite nicht mehr konkurrenzfähig war, führte die Regierung komplizierte Lizensierungsverfahren ein, um die einheimischen Hersteller vor Importen billigerer chinesischer Paneele zu schützen. Die Folge waren künstlich überhöhte Preise für Solar-Module. Ohne diese hätte man in Japan -- aufgrund der hohen Strompreise und der hohen Sonneneinstrahlung -- bereits die Netzparität erreicht. Im Gegensatz zu Deutschland scheint an der Ostküste von Japan auch im Winter oft die Sonne, und im Süden auf Kyushu sogar noch stärker.

DAS INVESTMENT.com: Nun hoffen wir alle, dass die aktuelle Katastrophe vergleichsweise glimpflich endet und der Super-GAU ausbleibt. Falls das passiert, glauben Sie trotzdem an eine Wende in der japanischen Energiepolitik oder werden Politiker die schrecklichen Ereignisse schnell vergessen, wie dies ja auch nach der Tschernobyl-Katastrophe der Fall war?

Rathke: Mit Sicherheit wird diese Katastrophe zu einem Umdenken führen. Tokio ist die größte Stadt der Welt mit einer Bevölkerung von 30 Millionen Menschen in einem 30-Kilometer Radius um den Kaiserpalast. Es ist völliger Wahnsinn, in der Nähe von dieser ohnehin stark erdbebengefährdeten Metropole ganze Ketten von Atomreaktoren an die Küste zu stellen. Die nukleare Renaissance ist mit dem Fukushima-GAU definitiv abgeschlossen und die Solar-Revolution wird dadurch an Schwung gewinnen.