„Inflation als Preis für Europa ist ein zu hoher Preis“

Martin Hüfner von Assénagon

Martin Hüfner von Assénagon

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Ich war wohl nicht der Einzige, der durch die Aussage des Co-Chefs der Deutschen Bank, Anshu Jain, er-schreckt war. In einem Interview mit der „Welt am Sonntag“ hatte er am vergangenen Wochenende zu den Folgen der neuen geldpolitischen Beschlüsse der Europäischen Zentralbank mit unmissverständlicher Klarheit gesagt: „Die Konsequenz wird schlussendlich Inflation sein... Das ist ein Preis, den wir für Europa zahlen müssen.“

Da lief mir das Wasser kalt den Rücken herunter. Ich bin ein Befürworter von Europa und vom Euro. Aber einen solchen Preis möchte ich nicht zahlen. Hat der Chef der Deutschen Bank Recht und wird es als Folge der neuen Maßnahmen der EZB (auch der Federal Reserve) mehr, vielleicht sogar die große Inflation geben?

Das ist im Augenblick für die Mehrzahl der Anleger die wichtigste Frage. Leider haben auch die Experten darauf keine zwingende Antwort. In der Theorie gibt es Argumente sowohl in der einen Richtung als auch in der anderen. Deshalb habe ich mir einmal die Geschichte angeschaut. Für die vergangenen hundert Jahre gibt es dazu interessante Zahlen aus den USA (siehe Grafik), aus denen man ein paar Lehren ziehen kann.

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  • Eine so lange anhaltende Phase niedriger Inflation, wie wir sie in den vergangenen dreißig Jahren hatten, ist selten. Es gab sie auch nicht in der viel gepriesenen Goldwährung vor dem Zweiten Weltkrieg. Damals stiegen die Preise zeitweilig sehr stark, fielen dann aber auch wieder.

    Es ist freilich schwierig, das richtig zu interpretieren. Heißt das, dass die Inflation tot ist und die Gefahren überschätzt werden oder heißt es, dass die Zeit niedriger Inflation so lange gedauert hat, dass sie bald wieder vorbei sein könnte? In jedem Fall erscheint mir eine Wiedereinführung der Goldwährung nicht wünschenswert. Damals waren die Verhältnisse nicht besser.

  • Liquidität und Staatsverschuldung waren in der Vergangenheit wichtige Treiber der Inflation. Sie haben sowohl die Hyperinflation von 1923 in der Weimarer Republik verursacht, als auch die verdeckte Inflation im Dritten Reich. Die Grafik zeigt, dass die Ausweitung der Liquidität in den USA in den 30er Jahren in etwa so groß war, wie sie es heute ist. Wir befinden uns also in einem gefährlichen Terrain.

  • Liquidität und Staatsverschuldung sind aber nur eine notwendige, nicht eine hinreichende Bedingung für Geldentwertung. Damit sie zu Preissteigerungen führen, muss eine hohe gesamtwirtschaftliche Nachfrage, also eine gute Konjunktur, dazukommen.

    Das war nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland der Fall. Auch nach der Weltwirtschaftskrise 1933 lief die deutsche Konjunktur schnell wieder heiß und zwang die Regierung, Preis- und Lohnkontrollen einzuführen. In den USA dagegen gab es kein stärkeres Wachstum. Die Inflation hielt sich daher in Grenzen, von ein paar kurzfristigen Ausreißern abgesehen.