Inflation Der Sparer war schon immer der Dumme

Karl-Heinz Thielmann

Karl-Heinz Thielmann

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Ein wiederkehrendes Thema dieser Tage in der Wirtschaftspresse ist die „finanzielle Repression“, die schleichende Enteignung von risikoscheuen Anlegern durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Die Renditen von Spareinlagen, Staatsanleihen oder Geldmarktanlagen liegen deutlich unter den Inflationsraten. Ein Erhalt der Kaufkraft ist mit konservativen Anlagen nicht mehr möglich.

Der bekannte Verfassungsrechtler Paul Kirchhof hat diesen Tatbestand vor Kurzem sogar als „verfassungswidrig“ bezeichnet. Seiner Auffassung nach haben Bürger einen Anspruch darauf, dass ihnen ihr Finanzkapital jährlich einen Ertrag bringt. Dieses Versprechen werde nicht mehr erfüllt und damit die Kernidee des Privateigentums abgeschafft.

Der Begriff der finanziellen Repression wurde für eine Phase in den 50er und 60er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts geprägt, als unter den Inflationsraten liegende Zinsen der USA und Großbritannien ermöglichten, sich von ihren hohen Schulden des Zweiten Weltkrieges zu befreien.

Langsame Enteignung

Sparern und Anlegern in diesen Ländern wurden so nachträglich die Kriegskosten aufgebürdet, ohne dass sie es so recht merkten. Angesichts des Booms der Nachkriegsjahre wurde dies kaum wahrgenommen und ließ sich somit ohne größere politische Schwierigkeiten durchführen. Doch ist diese Form der langsamen Enteignung von Sparern auch für Deutschland etwas Neues?

Oberflächlich betrachtet kann man diese Frage mit „Ja“ beantworten, zumindest wenn man den Realzins auf Basis der Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere berechnet. Dies ist die durchschnittliche Rendite aller im Umlauf befindlichen, inländischen festverzinslichen Wertpapiere erster Bonität (also vor allem von Staatsanleihen) und ist ein für Rentenanleger relevanter Referenzzins.

Er befindet sich seit zirka 10 Jahren deutlich unter den historischen Durchschnitts-Niveaus. Seit Ausbruch der Eurokrise ist dieser Realzins unter null gefallen. Er folgt damit dem gleichen Muster wie die Zinsen in Großbritannien oder den USA.

Was meistens vergessen wird, ist, dass es gerade für Kleinsparer unüblich ist, direkt in festverzinsliche Wertpapiere zu investieren. Sie bevorzugen Spareinlagen und Sparbriefe. Laut einer GFK-Umfrage legen zirka 40 Prozent aller Deutschen ihr Geld bevorzugt mit einem Sparbuch an; weitere 18 Prozent mit Festgeldern.

Auch gemessen am Volumen von schätzungsweise 660 Milliarden Euro ist diese Anlageform trotz eines gewissen Rückgangs in den vergangenen Jahren bei Privathaushalten nach wie vor sehr populär. Sie entspricht jeweils zirka dem dreifachen, was von dieser Anlegergruppe direkt in festverzinslichen Wertpapieren (zirka 220 Milliarden Euro) oder Aktien (zirka 260 Milliarden Euro) angelegt ist.