Inflationsverlagerung Notenbanken produzieren Inflation an der falschen Stelle

Lukas Daalder, Chief Investment Officer bei Robeco Investment Solutions:

Lukas Daalder, Chief Investment Officer bei Robeco Investment Solutions: "Die Inflation ist nach wie vor gegeben. Sie macht sich aber nicht wie früher bei Gütern und Dienstleistungen, sondern eher bei den Preisen von Vermögenswerten bemerkbar."

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Einige Ökonomen vertreten die Ansicht, dass die Notenbanken angesichts laufend sinkender Inflationsraten – und der größeren Gefahr einer Deflation – ihr Zwei-Prozent-Ziel aufgeben oder durch ein niedrigeres ersetzen sollten. Dem liegt die wachsende Überzeugung zugrunde, dass es durch die quantitative Lockerung der Geldpolitik nicht gelungen ist, die Inflation und damit das Wirtschaftswachstum anzufachen. Doch ist auch eine andere Sicht der Dinge möglich: Die Inflation ist nach wie vor gegeben. Sie macht sich aber nicht wie früher bei Gütern und Dienstleistungen, sondern eher bei den Preisen von Vermögenswerten bemerkbar.

Wenn die Notenbanken sich an einem Inflationsziel von zwei Prozent orientieren, liegen dem keine Forschungsergebnisse zugrunde, wonach dieser Wert optimal wäre. Tatsächlich wurde diese Größenordnung im Jahr 1989 von der neuseeländischen Notenbank willkürlich festgelegt. Die Europäische Zentralbank, die US Federal Reserve, die japanische Notenbank und die Bank of England verfolgen allesamt nach wie vor dieses Ziel, obwohl die Inflation in den jeweiligen Währungsräumen in den letzten zehn Jahren fast durchgängig darunter lag.

Inflation ist aus strukturellen Gründen gesunken

Es gibt viele Argumente dafür, weshalb die Inflation – die vor Jahrzehnten noch zweistellig war und ganze Volkswirtschaften destabilisierte – so drastisch zurückgegangen ist. Ein Faktor ist die Digitalisierung, die Bereiche wie Medien, Fotografie und Musik revolutioniert hat, indem sie die praktisch kostenlose Produktion zusätzlicher Kopien neuer Zeitungsartikel, Spiele oder Lieder ermöglicht hat.

Ein weiterer Aspekt ist der Machtverlust der Arbeitnehmer infolge des Niedergangs der Gewerkschaften, der Globalisierung und der anhaltenden Automatisierung in früher arbeitsintensiven Wirtschaftszweigen. Ebenfalls deflationär wirkt sich die Alterung der Bevölkerung aus, da ältere Leute tendenziell mehr sparen und weniger konsumieren. Gleichzeitig hat der Ölpreis seinen Einfluss auf die Märkte verloren, da er durch die Erschließung alternativer Ölquellen und die Nutzung von Sonnenenergie permanent gesunken ist.

Alle diese Argumente deuten darauf hin, dass die Inflation aus strukturellen Gründen gesunken ist – eine These, die auch durch die Inflationsdaten der letzten Jahre gestützt wird. Dies wirft die Frage auf: Was geschieht, wenn die Notenbanken weiterhin ihr Inflationsziel von rund zwei Prozent verfolgen, während die Wirkungsmechanismen in der heutigen Wirtschaft verhindern, dass es jemals dazu kommt?

Der strukturelle Inflationsrückgang ist kaum zu übersehen. Die Abbildung zeigt die Inflationsentwicklung (Linie) sowie die höchste und niedrigste Inflation in den OECD-Ländern (grauer Bereich). Quelle: Robeco