Interview mit dem Acatis-Chef Hendrik Leber: „Die alten Investmentrezepte gelten nicht mehr“

Hendrik Leber ist Gründer und Chef der Frankfurter Fondsgesellschaft Acatis. | © Acatis

Hendrik Leber ist Gründer und Chef der Frankfurter Fondsgesellschaft Acatis. Foto: Acatis

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Wer Hendrik Leber einmal im Gespräch oder in einem Vortrag erlebt hat, lernt schnell: Der Acatis-Chef ist Technologie-Fan. Er spricht ebenso begeistert von „Precision farming“, einer Technik für den punktgenauen Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln, wie von hochauflösenden Kameras, die zur Überwachung im öffentlichen Raum zum Einsatz kommen. Als erster bekannte deutsche Profi-Investor hat er Bitcoin in Fondsportfolios geholt.

Hendrik Leber hat sich als Value-Anleger einen Namen gemacht. In den vergangenen Monaten hat er allerdings durchblicken lassen, dass er das Value-Konzept für überarbeitungsreif hält.  

Das Investment: Sie sagen, dass Value-Investing überarbeitet werden müsse. Auf Ihrer Internetseite bezeichnen Sie sich aber nach wie vor als Value-Anleger. Was hat sich Ihrer Ansicht nach verändert?

Hendrik Leber: Wir haben unser Motto leicht abgeändert und auch unser Logo angepasst, weil es sonst nicht mehr hundertprozentig passt. Wir nennen uns nicht mehr Value-Investoren, sondern sagen: „Value für Investoren“. Es gibt kaum noch Value-Aktien, der Markt ist kaum mehr da.

Was machen Sie heute anders als früher?

Leber: Man kann nicht mehr sagen: Ich investiere in eine gute Firma und habe etwas Stabiles für alle Zeiten. Es gibt Firmen mit gutem Markennamen wie zum Beispiel Pepsi oder Coca Cola. Sie sind 100 Jahr gut gelaufen, aber jetzt haben sie ein Plateau erreicht. Süßgetränke sind nicht mehr so gefragt. Oder Kosmetikfirmen: Das Marketing funktioniert nicht mehr wie traditionell über Magazine, sondern über Youtube, wo bestimmte Youtuberinnen sich bemalen. Mit Printwerbung erreicht man die junge Kundschaft gar nicht mehr. Da muss ich mich als Investor anpassen.

Ein Beispiel für Titel, die Sie nach neuen Maßstäben spannend finden?

Leber: Google zum Beispiel hat ein geniales Geschäftsmodell. Milliarden Menschen klicken und bei jedem Klick wird Google eine Spur reicher. Das ist eigentlich der Traum eines jeden Value-Investors. Oder der Pharmazulieferer Satorius. Die Aktie ist immer teuer. Ich habe mir das Geschäftsmodell angesehen und gedacht: Das ist der Traum. Der sprichwörtliche Burggraben ist hier unglaublich groß. Ich habe mir gesagt: Das mache ich einfach. Früher hätten wir eine Barwertberechnung gemacht und gesagt: Oha, viel zu teuer. Wenn die Aktie sich einmal halbiert, dann kaufen wir sie. Aber der Punkt wird hier nie kommen. Die Aktie läuft weiter und wird besser und besser.

Würden Sie das noch als Value-Investing bezeichnen? Ist das nicht eher ein Growth-Ansatz?

Leber: Das ist so eine Etikettiererei. Wir investieren ja nicht in Firmen, auf die wir nur hoffen. Wir setzen auf prognostizierbare Cashflows. Es sind allerdings auch ein paar spekulative Investments dabei – von denen sich allerdings die Mehrheit rechnet.

Welche Titel beobachten Sie heute mit kritischerem Blick als früher?

Leber: Es gibt Aktien, bei denen wir denken: Super, aber wie lange noch? Zum Beispiel Intercontinental Exchange, dem Unternehmen gehört die New Yorker Börse. Wir fragen uns: Wenn sich die Blockchain-Technologie durchsetzt, brauchen wir dann noch eine Börse? Oder brauche ich noch eine Kreditkarte wie Visa, wenn man Transaktionen per Blockchain abwickelt? Im Moment ist alles noch wunderbar, und wir haben die Aktie auch noch. Aber vor einiger Zeit kam die Meldung, dass Western Union mit Ripple zusammenarbeitet. Das kann disruptiv sein für solche Branchen. Dann muss man möglicherweise sehen, dass man da schnell hinauskommt.

Ein anderes Beispiel ist Apple: Apple ist für mich ein Value-Titel, sogar deep value. Das Unternehmen hat viel Geld in der Kasse und produziert jedes Jahr viel Geld, ohne dass Fabriken dastehen. Es ist auch sehr gut. Aber die anderen sind es auch. Aber wo ist eigentlich Apples Zukunft, bei welchen echten Innovationen sind sie vorn? Schon in fünf Jahren könnte Apple das Beste hinter sich haben. Wir sind sehr hellhörig, wann Trends enden.