Interview mit Gerit Heinz „2016 wird anspruchsvoll“

Gerit Heinz, Chef-Anlagestratege Wealth Management bei UBS in Deutschland

Gerit Heinz, Chef-Anlagestratege Wealth Management bei UBS in Deutschland

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DAS INVESTMENT: Was waren im Rückblick die Highlights 2015?

Gerit Heinz: 2015 war ein Jahr der großen Bewegungen. Angefangen mit der Aufhebung der Wechselkurs-Untergrenze vom Schweizer Franken zum Euro. Dann startete die EZB ihr Anleihekaufprogramm, und in der Folge sanken die Anleiherenditen bis April. Im zweiten Quartal folgte der rasante Renditeanstieg. Gleichzeitig beeinflusste die Grexit-Debatte bis zum Sommer die Märkte. Im August löste die Abwertung des chinesischen Yuan Marktturbulenzen aus. Die Volatilität stieg zwischenzeitlich auf ein Niveau, das es seit 2008 nicht mehr gab. Dann kam die Erholung im Oktober. Und schließlich machte die US-Notenbank Fed den ersten Zinsschritt. 2015 hatten wir eine divergierende Welt. Die Industriestaaten haben sich etwas besser entwickelt als die Emerging Markets, das dürfte sich 2016 fortsetzen.

Bleiben wir bei den Schwellenländern. Bekommt China seine Probleme in den Griff?

Heinz: China kann den Abschwung nicht stoppen, sollte aber größere Verwerfungen verhindern können. Die Verschuldung ist sehr hoch und das Wachstum stark auf Kredite angewiesen. Im Immobilienmarkt herrscht ein gewaltiges Überangebot, und auch in der Industrie gibt es Überkapazitäten. Dennoch sehen wir gute Chancen, dass China den Wandel hin zu einem stärker konsumgetriebenen Wachstum schafft.

Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Heinz: In China ist das Bankensystem staatlich kontrolliert. Unternehmen in Schieflage können daher weiter mit Krediten unterstützt werden. So können Pleiten abgewendet und Verwerfungen verhindert werden. Zudem verfügt China über hohe Devisenreserven und über Möglichkeiten, die Zinsen und den Mindestreservesatz zu senken. Kurzum, wir rechnen damit, dass sich die Konjunktur in China verlangsamt, aber wir erwarten keine deutlichen Störungen für risikoreiche Anlagen.

Wie sieht es insgesamt bei den Schwellenländern aus: Geht es eher weiter bergab?

Heinz: Wir haben Schwellenländeraktien kürzlich auf neutral heraufgestuft. Nach dem erneuten Rückgang erwarten wir zwar keinen neuerlichen Schwellenländer-Hype, aber wir denken, dass eine harte Landung in China vermieden werden kann. Zudem rechnen wir mit einer Rückkehr zum Gewinnwachstum bei Unternehmen aus den Schwellenländern. Dort sind die Unternehmensgewinne seit 2011 in US-Dollar um 26 Prozent und in lokaler Währung um 2 Prozent gesunken. Wenn die Gewinne wieder gesteigert werden können, wäre das ein sehr positives Zeichen. Ebenfalls positiv wäre es, wenn sich die Rohstoffpreise stabilisieren sollten. Die Bewertungen von Schwellenländeraktien sind mittlerweile so weit zurückgegangen, dass ein Großteil von negativen Nachrichten bereits eingepreist ist und schon wenige positive Überraschungen eine bessere Wertentwicklung auslösen könnten.

Was wird im Jahr 2016 ein wichtiges Thema?

Heinz: Zum Beispiel die Inflation. Wir rechnen mit einem leichten Anstieg. Die niedrigen Ölpreise waren maßgeblich verantwortlich für die tiefen Inflationsraten. Sie spiegeln sich nicht nur direkt in den Energiekosten wider, sondern sind als bedeutender Produktionskostenfaktor auch in anderen Komponenten enthalten. Wenn der Effekt der Energiepreise schwindet, dürfte die Inflation wieder etwas anziehen. Wir rechnen mit einem Niveau von 1,6 Prozent in den USA und 1,0 Prozent in der Eurozone, was durchaus willkommen wäre, um die Deflationsgefahr zu mindern. Problematischer wäre es, wenn der Inflationsanstieg durch höhere Lohnabschlüsse zustande käme. Das werden wir voraussichtlich erst einmal in den USA und Großbritannien sehen, wo die Arbeitslosenquote entsprechend niedrig ist. Dass eine bedeutende Lohn-Preis-Spirale in Bewegung kommt, ist derzeit aber eher unwahrscheinlich.