Interview mit Matthias Hoppe, Franklin Templeton „Die USA werden mittelfristig enttäuschen“

Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos bei einem Treffen mit IWF-Chefin Christine Lagarde: Die Wirtschaft in der Eurozone legt wieder zu

Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos bei einem Treffen mit IWF-Chefin Christine Lagarde: Die Wirtschaft in der Eurozone legt wieder zu

Herr Hoppe, inwieweit haben die Wahlen in Frankreich die europäische Landschaft verändert?

Hoppe: Nachdem ein „Frexit“ mit der Wahl Emmanuel Macrons vom Tisch ist, stellt sich das politische Risiko in Europa jetzt nicht mehr so akut dar. Mit dem Sieg über die Rechtspopulistin Marine Le Pen ist die Unsicherheit über einen möglichen EU-Austritt Frankreichs vorerst abgewendet.

Macron hat die Amtsgeschäfte zwar gerade erst aufgenommen, aber wenn Frankreich anfängt, sich zu reformieren und etwa seinen starren Arbeitsmarkt zu lockern, könnte es sein, dass Deutschland im Gegenzug zu Zugeständnissen beim EU-Stabilitätspakts bereit ist, um Frankreich Spielraum für Reformen zu verschaffen. In diesem Fall werden aber auch andere Länder in der Eurozone Erleichterungen für sich einfordern. Die Wahl in Frankreich könnte also durchaus Folgen für Spanien, Portugal, Italien und Griechenland haben, die ein Interesse hätten, die ihnen im EU-Stabilitätspakt auferlegte dauerhafte Haushaltsdisziplin aufzuweichen, um zu mehr Wachstum zu kommen.

Mit der politischen Beruhigung in Europa können sich die Märkte endlich wieder stärker auf die Fundamentaldaten konzentrieren, die immer besser werden. Insgesamt bleiben wir kurz- bis mittelfristig positiv eingestellt.

Wie entwickelt sich die wirtschaftliche Lage insgesamt?

Hoppe: Bemerkenswert ist, dass sich zum ersten Mal seit 2010 alle Regionen weltweit im wirtschaftlichen Aufschwung befinden. Auch der Euroraum erholt sich endlich. Dies ist deshalb so bedeutsam, weil der Aufschwung in den USA bereits vor acht Jahren eingesetzt hat. Europa hinkte bislang hinterher. So steigt zum Beispiel die Kreditvergabe in der Eurozone wieder, was das konjunkturelle Wachstum noch weiter beschleunigen könnte. Die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe, ein Frühindikator für Konjunkturwachstum, haben sich deutlich verbessert – selbst in Griechenland.  In Deutschland hat der Index gerade erst einen Wert von 59,6 Punkten erreicht – das entspricht nahezu einem Allzeithoch.

China jedoch ist ein Unsicherheitsfaktor, da die konjunkturbelebenden Maßnahmen aus 2016 bereits etwas zurückgenommen werden. Das wird das weltweite Wachstum beeinflussen. Zudem gehen wir davon aus, dass die Politik in den USA mittelfristig enttäuschen wird.

Aktien aus dem Euroraum sind also positiv zu sehen und haben Kurssteigerungspotenzial?

Hoppe: Ja, das ist richtig. Das starke Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Euroraum, die positiven Einkaufsmanagerindizes, die höhere Auslastung von 82 Prozent und der leichte Anstieg des Preisniveaus, das aber unter Kontrolle ist: Alle diese Faktoren wirken sich positiv aus. Zudem haben die überwiegende Mehrheit der börsengehandelten Unternehmen in Europa die Umsatz- und Gewinnerwartungen übertroffen.

Es wird für die Unternehmen jetzt natürlich schwer sein, die Gewinnerwartungen nochmals zu übertreffen. Aber die Zinsen dürften niedrig bleiben und die EZB wird sicherlich noch eine Weile an ihrem expansiven Kurs festhalten. Auch wenn wir ein Wachstum bei privaten Krediten und eine steigende Inflation beobachten, wird die EZB ihre Marschrichtung nur langsam ändern.

Haben die politischen Meldungen aus Europa einen Einfluss auf die Schwellenländer beziehungsweise ist Ihrer Ansicht nach damit zu rechnen?

Hoppe: Die Auswirkungen auf die Schwellenländer sind lediglich indirekter Natur. Der Abstand zwischen Schwellen- und Industrieländern beim Wachstum des Bruttoinlandprodukts hat sich stabilisiert, die Bewertungen in den Schwellenländern sind attraktiver geworden. Wie erwähnt, in China ist mit einer leichten Straffung der Geld- und Fiskalpolitik zu rechnen. Insgesamt bleiben wir aber für Emerging Markets, sowohl Aktien als auch Anleihen, relativ positiv gestimmt.

Was möchten Sie den Investoren mit auf den Weg geben?

Hoppe: Die Märkte haben sich bisher weitgehend auf die Politik konzentriert. Es ist nun an der Zeit, sich den unternehmensbezogenen und makroökonomischen Fundamentaldaten zuzuwenden, die weltweit erfreulich sind, vor allem im Euroraum und in den Schwellenländern.