Interview mit Ronald Slattery Warum Japan auf dem richtigen Weg ist

Frühlingsbeginn in Tokio: Investoren aus dem Ausland investieren wieder verstärkt in Japan

Frühlingsbeginn in Tokio: Investoren aus dem Ausland investieren wieder verstärkt in Japan

Ronald Slattery, Manager des Fidelity Japan Advantage Fund

Herr Slattery, Investoren haben dem japanischen Markt lange Zeit skeptisch gegenübergestanden. Inzwischen haben viele von ihnen das Land wieder auf dem Radar. Woran liegt das?

Ronald Slattery: Das hat vor allem drei Gründe: Erstens waren die Bewertungen am japanischen Aktienmarkt im Vergleich zu den Börsen anderer Industriestaaten lange Zeit sehr hoch. Das hat sich geändert, auch, weil viele japanische Unternehmen ihre Gewinne gesteigert haben. Die Bewertungen sind mittlerweile wieder auf einem attraktiven Niveau angelangt. Zweitens hatte Japan lange mit Deflation zu kämpfen, was den Aktienmarkt negativ beeinflusst hat. Mittlerweile liegt die Inflationsrate wieder bei 1 Prozent, nachdem sie zuvor jahrelang negativ war. Drittens hat sich die Unternehmensführung in Japan verbessert: Viele Firmen denken und handeln aktionärsfreundlicher als früher. Diese drei Faktoren ziehen vor allem Investoren aus dem Ausland an – zumal Japans Wirtschaft vom globalen Wachstum gestützt wird.

Inwiefern denken die Firmen aktionärsfreundlicher? Zahlen sie jetzt höhere Dividenden?

Slattery: Ja, aber das ist nicht der einzige Punkt. Börsennotierten japanischen Firmen waren ihre Aktionäre traditionell relativ gleichgültig. In den vergangenen Jahren hat hier ein Mentalitätswandel stattgefunden. Die Unternehmen achten heute mehr darauf, profitabel zu arbeiten und auch die Rechte ihrer Minderheitsaktionäre zu schützen. Sie legen mehr Wert auf Kapitaleffizienz, statt sich allein auf den Umsatz zu fokussieren. Das spiegelt sich auch wider in gestiegenen Rückflüssen an die Kapitalgeber in Form von Dividenden und Aktienrückkäufen.

Sie haben das Fondsmanagement des Fidelity Japan Advantage Fund nach fünf Jahren im Oktober 2017 wieder übernommen. Was hat sich in Japan seither verändert?

Slattery: Als ich das Fondsmanagement vorübergehend abgegeben habe, steckte das Land in einer tiefen Wirtschaftskrise, und das schon seit Jahren. Dann war Shinzo Abe 2012 gerade zum neuen Premierminister gewählt worden und hatte seine „Abenomics“ genannte Wirtschaftspolitik angekündigt. Seitdem hat sich die japanische Wirtschaftslage verbessert, die Wachstumsphase hält schon lange an.

Welchen Anteil am neuerlichen Aufschwung haben die „Abenomics“ aus Ihrer Sicht?

Slattery: Viele positive Entwicklungen waren schon im Gange, als Abe Regierungschef wurde. Er hat diese Trends vorangetrieben, aber nicht ausgelöst. Zudem kam die größte Veränderung in den vergangenen fünf Jahren vonseiten der Zentralbank Bank of Japan (BoJ) und deren Chef Haruhiko Kuroda. Die BoJ hat ein massives Anleihekaufprogramm gestartet und damit den Yen geschwächt. Das hat die Deflation beendet und zu einem höheren nominalen Wachstum geführt, was wiederum die Aktienmärkte beflügelt hat.

Japan hat nach wie vor mit Herausforderungen zu kämpfen. So ist das Land mit 230 Prozent seiner Wirtschaftsleistung verschuldet.

Slattery: Das stimmt, kein Industrieland der Welt hat auch nur annähernd so hohe Staatsschulden wie Japan. Die Notenbank hat in den vergangenen Jahren viele davon durch Anleihekäufe aufgebaut, denn dadurch sind die Schulden im Privatsektor gesunken, während die Schulden im öffentlichen Sektor gestiegen sind. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, wie das einmal enden wird. Das Land dürfte jedenfalls noch einige Jahre mit dem Thema zu tun haben.

Ein zweites Strukturthema ist der demografische Wandel. Japans Bevölkerung wird immer älter. Ist das ein Problem für die Wirtschaft?

Slattery: Eher nicht. Die ungünstige demografische Entwicklung in Japan ist seit Jahren bekannt, die Unternehmen haben sich darauf eingestellt und in den vergangenen Jahren nach Wegen gesucht, mit weniger menschlichen Ressourcen auszukommen. Japan ist auch aufgrund des demografischen Wandels offener, wenn es um den Einsatz von Robotern geht, etwa in der Industrie oder in der Pflege. Es wird in Zukunft zwar weniger Konsumenten im Heimatmarkt geben, die japanischen Unternehmen sind aber stark im Export.