Interview mit Steven T. Watson „Kritik am Freihandel macht mir Sorgen“

Steven T. Watson, Portfoliomanager bei Capital Group

Steven T. Watson, Portfoliomanager bei Capital Group

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Herr Watson, wie beurteilen Sie den Stand des Freihandels heute?

Steven T. Watson: Die weltweite Kritik am Freihandel macht mir Sorgen. US-Präsident Trump ist der bekannteste Freihandelsgegner, aber bei Weitem nicht der einzige. Viele Regierungen versuchen mit Nachdruck, den Freihandel zu beschränken oder, in ihren eigenen Worten, ihn „fairer“ zu machen. Aber was dem einen fairer erscheint, ist für andere oft weniger fair. Letztlich ist es ein Nullsummenspiel. Unter solchen Versuchen kann der weltweite Güteraustausch leiden, wovon am Ende niemand etwas hat. Ich glaube an den Freihandel, offene Grenzen und die Abschaffung von Handelsschranken. Beim Außenhandel achte ich genau auf China. In puncto Einhaltung der WTO-Regeln ist das Land alles andere als ein Vorbild. Ich kann durchaus verstehen, wenn andere Mitglieder der Welthandelsorganisation China auffordern, seinen Verpflichtungen besser nachzukommen. Schließlich hat China enorm von der Globalisierung profitiert, so wie uns der wirtschaftliche Aufstieg Chinas genützt hat.

Glauben Sie, dass die Globalisierung auf dem Rückzug ist?

Watson: Nein. Die Globalisierung der Technologie geht weiter, und die Kapital- und Datenströme wachsen ungebrochen. Allein die grenzüberschreitenden Datenströme haben sich in den letzten zehn Jahren verzwanzigfacht. Nach wie vor wird die Welt immer globaler. Selbst wenn es beim Güterhandel Rückschläge gibt, glaube ich, dass die Globalisierung – zu der auch der Austausch virtueller Güter zählt – nicht mehr aufzuhalten ist. Unternehmen werden aber auch durch Fusionen und Übernahmen internationaler – und durch den Eintritt in neue Märkte. Dort bauen sie oft ganze Lieferketten auf und stellen Produkte her, die an die länderspezifischen Präferenzen angepasst sind. Beispielsweise ist der Konsumgüterkonzern Procter & Gamble heute in 80 Ländern vertreten. Multinationale Großunternehmen werden immer globaler. Globalisierung ist weit mehr als grenzüberschreitender Güterhandel.

Was zeichnet Ihren Investmentstil aus?

Watson: Ich möchte günstig bewertete Titel finden, die der Markt aus meiner Sicht zu pessimistisch einschätzt, nicht wirklich versteht oder nicht genügend zu würdigen weiß. Ein gutes Beispiel hierfür ist der japanische Telekommunikationsdienstleister Softbank. Nach der wenig erfolgreichen Übernahme von Sprint fiel Softbank bei internationalen Investoren in Ungnade. Langfristig haben Anleger aber stark von ihren Softbank-Investments profitiert; in den letzten zwölf Monaten ist der Aktienkurs um 60 Prozent gestiegen. Softbank hat viele andere Unternehmen übernommen. Betrachtet man statt des Gesamtkonzerns die Summe seiner Teile, erscheint die Aktie günstig bewertet. Wir befassen uns intensiv mit den Zahlen, treffen uns mit den Geschäftsleitungen – um ihre Strategie zu verstehen – und denken langfristig. Wir haben die Geduld, in ein Unternehmen wie Softbank zu investieren und an der Position selbst dann festzuhalten, wenn sie bei anderen nicht mehr in Mode ist.

Sie sind ein internationaler Portfoliomanager, der viel Zeit in Schwellenländern verbringt. Welche Investmentchancen gibt es nach Ihrer Meinung in den Emerging Markets?

Watson: Vielleicht bin ich für die USA skeptischer als mancher Kollege. Ich halte US-Aktien für wirklich teuer und glaube, dass es am US-Markt nur wenige verkannte Aktien gibt, die für meinen Ansatz interessant sind. Die USA wachsen recht ordentlich, aber spannendere Titel gibt es anderswo. Eine Besonderheit der Capital Group ist, dass wir auch Unternehmen außerhalb der USA genau analysieren, wo die Märkte oft weniger transparent sind und von weniger Analysten beobachtet werden. So finde ich zurzeit an den Emerging Markets attraktiv bewertete Titel: Naspers (das mit 34 Prozent am chinesischen Internetunternehmen Tencent beteiligt ist) hat viel mit Softbank gemein, wenn man beide als Summe ihrer Teile betrachtet. Für mich ist Naspers ein faszinierendes, innovatives Unternehmen, das viele Investoren entweder nicht kennen oder unterschätzen.

Warum investieren nach Ihrer Meinung immer mehr Anleger in Exchange Traded Funds (ETFs)? Und birgt das Gefahren, etwa durch Preisblasen an den Aktienmärkten?

Watson: Ich wünschte mir, dass alle so investierten wie wir. Mit umfangreichen Analysen vor Ort kann man in einer Weise Mehrwert für Anleger schaffen, wie es vielen ETFs nicht gelingt. Viele Investoren glauben, dass ETFs kostenlos sind, aber ETFs sind Finanzinstitute und keine Wohltätigkeitsvereine. Die Emittenten und Händler von ETFs wollen Geld verdienen. In gewisser Weise wird an den Aktienmärkten immer spekuliert. Mal wird dabei übertrieben, manchmal auch nicht. Wenn die Spekulation ein vernünftiges Maß überschreitet, brechen die Kurse am Ende zwangsläufig ein. In solchen Phasen haben wir oft den größten Mehrwert geschaffen. Wenn die Märkte am Ende fallen, hoffen wir, dass unser Ansatz die Verluste begrenzt. Außerdem wollen wir den Einbruch nutzen, um attraktiv bewertete Aktien zu kaufen. Märkte sind volatil, oft wegen übertriebener Spekulation. So ist es immer, weshalb wir es bei unseren Anlageentscheidungen berücksichtigen.“