Investieren in den Emerging Markets „Mich reizt es, wenn Andere pessimistisch sind“

Entladung von Schwefel in Nantong:  Der Austausch von Daten wird bald wichtiger sein als der Handel mit Waren | © Getty Images

Entladung von Schwefel in Nantong: Der Austausch von Daten wird bald wichtiger sein als der Handel mit Waren Foto: Getty Images

Steve Watson, Portfolio-Manager Capital Group

Hat der jüngste Handelskonflikt zwischen den USA und China Auswir­kungen auf Ihren Ausblick für China?

Steve Watson: Wir müssen die Situation genau im Auge behalten. Es handelt sich um einen ernsten Konflikt, der durchaus das Zeug zu einer unschönen und folgenreichen Entwicklung hat. Doch wenn ich mir den Langfristausblick ansehe, bleibe ich für China optimistisch. Chinas Volkswirtschaft wächst um etwa 6,5 Prozent jährlich. Vielleicht geht das Wachs­tum etwas zurück, doch noch vor weni­gen Jahren wuchs Chinas Wirtschaft um über 10 Prozent jährlich. Den Rückgang halte ich aber für angemessen, da die Volkswirtschaft reift. Meiner Ansicht nach wird China auch weiterhin ordent­lich wachsen, sodass wir wohl noch viele Jahre lang attraktive Anlagemög­lichkeiten finden.

Wie wird die chinesische Führung auf die jüngste US-Rhetorik reagieren?

Watson: Die Chinesen achten mehr auf Taten als auf Worte. Bis jetzt haben sie ihrerseits mit scharfer Rhetorik reagiert und umfangreiche eigene Zölle in den Raum gestellt. Sie haben aber auch versöhnliche Töne angeschlagen. Offensichtlich wollen sie einen ausgewachsenen Handelskrieg vermeiden. Hoffen wir, dass die Sache nicht aus dem Ruder läuft. Einstweilen scheint die Krise handhabbar.

Man sollte aber nicht übersehen, dass die wirklich wichtigen Handelsströme zurzeit aus Daten und Kapital bestehen. Diese Art von internationalem Handel lässt sich längst nicht so leicht beschrän­ken. Natürlich hoffe ich, dass der Güter­austausch weltweit nicht behindert wird.

Ein wenig beruhigt es mich aber, dass sich an den wichtigsten Handelsströmen, dem Austausch von Daten, vermutlich wenig ändert.

Illegale Subventionen und Diebstahl geistigen Eigentums gelten in den USA als wichtige Konfliktfelder. Was, glau­ben Sie, wird China hier tun?

Watson: Ich glaube, dass es China eher über­rascht hat, wie nachgiebig die USA hier in den letzten Jahren waren. Ich schätze, dass sie mit der aktuellen US-Reaktion gerechnet haben. In China halte ich Urheberechtsreformen für sinnvoll, zumal die Volkswirtschaft reift und China eigenes geistiges Eigentum entwickelt, das es schützen möchte. Wünschenswert wäre eine Annäherung Chinas an andere Industrieländer. Hoffen wir also auf Pragmatismus.

Chinesische Aktien verzeichneten 2017 beeindruckende Erträge. Woran liegt das?

Watson: 2017 war ein interessantes Jahr. Gerade westliche Investoren hatten sich große Sorgen gemacht. Der ‚drohende Zusam­menbruch Chinas‘ war ein Diktum, das man häufig hörte. Man war davon über­zeugt, dass der chinesische Immobilienmarkt einbrechen würde, es zu einer Schuldenkrise käme oder andere große Probleme anstünden. Doch als die Angst nachließ, erholte sich der Markt und stieg vielleicht gerade des­halb so stark. Ich glaube, dass Investoren die chinesische Volkswirtschaft jetzt wesentlich sachlicher beurteilen und bei Anlagen in China nicht mehr so viel Hysterie herrscht.

Im letzten Jahr entwickelten sich die Emerging Markets gut. Gibt es noch Luft nach oben?

Watson: Die zuletzt guten Ergebnisse der Emerging Markets folgten einer langen Schwächephase, in der es nicht so gut aussah. Jetzt, 2018, wächst die Weltwirtschaft synchron und der US-Dollar ist recht schwach. Beides war in der Vergangenheit meist gut für Emerging-Market-Anlagen.

Meiner Ansicht nach wird dieses Umfeld noch eine Weile so bleiben. Ja, ich bin für die Schwellenländer sehr optimis­tisch, allerdings mit einer Einschränkung: Heute ist es nicht mehr so einfach, sich die Emerging Markets als eine Einheit vorzustellen. Es handelt sich um eine sehr vielfältige Assetklasse; jedes Land und jedes Unternehmen hat seine Beson­derheit. Denken Sie nur einmal daran, wie sehr sich China und Brasilien vonein­ander unterscheiden. Deswegen ist es so wichtig, sich jede einzelne Anlage aus fundamentaler Perspektive anzusehen, Unternehmen für Unternehmen.