Investieren und Ethik In Boomphasen nehmen Schurkenstücke am Aktienmarkt zu

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

Georg Graf von Wallwitz, Fondsmanager der Phaidros Funds und Geschäftsführer der Eyb & Wallwitz Vermögensmanagement

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Das Sommertheater beginnt spätestens im Juni. Die Amerikaner interessieren sich plötzlich für Fußball (was die Fifa immer gehofft hatte, aber nun stellt sich die Begegnung als ein Auswärtsspiel heraus). Die Griechen gehen wie jedes Jahr in die entscheidende Phase ihrer ökonomischen Zukunftsgestaltung. Und die Chinesen haben eine lustige Blase an ihrem Aktienmarkt produziert. Letztere verdient eine kurze Erläuterung, weil sie so offensichtlich ist. Ein Tierfutterhersteller notiert mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 221, bei einem Saunahersteller beträgt es 285, bei einem Ventilatorhersteller 732. Normal wären 15. Baufirmen nennen sich Technologiefirmen und ihre Aktienkurse verdoppeln sich.

Das mittlere KGV des Marktes liegt bei 75, das KGV des Wachstumsmarktes Chinext (das Pendant zu unserem „Neuen Markt“, seligen Gedenkens) liegt bei sportlichen 140, der DAX kommt nur auf 16. Kleinsparer, die klassischen Opfer von „Hausfrauenrallyes“ wie dieser, haben in einer einzigen Woche im April vier Millionen neue Aktiendepots eröffnet. Zwei Drittel dieser Neulinge haben die Schule vor dem 15. Geburtstag verlassen. Gebildete Investoren sind es wohl nicht und sie werden genauso ihr Geld verheizen wie ihre Vorgänger in der Blase von 2007.

Schurkenstücke kommen zum Vorschein, wie die Manipulation der Aktien von Hanergy und Goldin, die sich durch einen einfachen Trick zu Milliardenunternehmen aufgeblasen hatten: Irgendjemand (vermutlich die Mehrheitsaktionäre) hat jeden Börsentag sanft Aktien dieser Unternehmen verkauft, um sie dann am Ende des Tages, in den letzten 15 Handelsminuten gedrängt zurückzukaufen. Dadurch stieg die Aktie massiv in der entscheidenden Zeit, um mit einem großen Plus aus dem Markt zu gehen. Und das lief so, jeden Tag, sechs Monate lang, in denen sich die Aktie vervierfachte. Bis sie sich dann an einem Tag fast halbierte und die Börse sie vom Handel aussetzte.

Wir merken an dieser Stelle an, dass Schurkenstücke natürlich auch bei uns vorkommen, und von den hiesigen schläfrigen Regulierungsbehörden, die eher mit bürokratischem Kleinklein als mit den ehrlichen Problemen beschäftigt sind, weder bemerkt noch geahndet werden.

Beispielsweise hat sich im Mai irgendjemand (wir tippen auf einen amerikanischen Fonds) massiv mit Call-Optionen auf die Aktie von Syngenta eingedeckt, eine Woche bevor deren amerikanischer Konkurrent, Monsanto, ein Übernahmeangebot für sein europäisches Spiegelbild abgegeben hat (Monsanto macht in „Leben“, Saatgut, und Syngenta macht in „Tod“, Pestiziden). Der Käufer der Calls hat, vermutlich mit Insider-Wissen, fast 100 Millionen Schweizer Franken verdient (geklaut?), innerhalb einer Woche. Und bislang ist nicht zu sehen, dass irgendeine europäische Behörde sich zuständig fühlt. Bravo.