Investitionsflaute, aber gute Aussichten Darum lohnt es sich, jetzt in Europa zu investieren

Nestlé-Produkte: Der Nahrungsmittelkonzern hat letzten Herbst ein neues Werk in Schwerin eröffnet. Foto: Getty Images

Nestlé-Produkte: Der Nahrungsmittelkonzern hat letzten Herbst ein neues Werk in Schwerin eröffnet. Foto: Getty Images

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Familienministerin Manuela Schwesig war da, ebenso wie Ministerpräsident Erwin Sellering, Wirtschaftsminister Harry Glawe, Nestlé-Europachef Laurent Freixe und Nestlé-Deutschlandchef Gerhard Berssenbrügge. Sie alle wollten dabei sein, als Schwerins neues wirtschaftliches Kleinod eröffnet wurde: das Nescafé-Dolce-Gusto-Werk, eine Fabrik für Kaffee-Kapseln, 10 Millionen Stück pro Tag, 450 Arbeitsplätze. Man lachte, dankte sich gegenseitig für die gute Zusammenarbeit und pinselte sich auch sonst noch ein bisschen.

Das Problem ist nur: Das Werk ist zur Ausnahme-Erscheinung geworden. Denn in Europa wird zu wenig investiert. Deutlich macht das die Investitionsquote, die sämtliche Ersatz- und Erweiterungsinvestitionen in Anlagen mit dem gesamten Bruttoinlandsprodukt ins Verhältnis setzt. Liegt sie zu niedrig, verfallen oder veralten Maschinen und Werke.

In Deutschland lag die Investitionsquote Anfang der 80er Jahre noch bei fast 30 Prozent, heute sind es 19 Prozent. In den Industrieländern insgesamt fiel sie von 25 Prozent auf knapp 21 Prozent. Das passierte nicht erst in der jüngsten Krise. Es dürfte auch vorher schon an Renditezwang und Sparwahnsinn in der Wirtschaft gelegen haben. In den USA ist die Investitionsquote übrigens von 17,5 Prozent im Jahr 2009 auf heute 22 Prozent gestiegen.

Jetzt diskutiert man in Europa, wie man Unternehmer wieder dazu bekommt, Geld in die Hand zu nehmen und Neues zu erschaffen. „Einige Ökonomen erklären dies damit, dass der technische Fortschritt zum Erliegen gekommen und die Wirtschaft in eine Phase der säkularen Stagnation eingetreten sei“, schreibt der Volkswirt Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Instituts.

Für andere seien die Finanzierungsbedingungen nicht in Ordnung. Ersteres würde heißen, dass technisch ohnehin kaum Neues mehr zu erwarten ist. Das Zweite würde bedeuten, dass es noch immer zu schwierig ist, einen vernünftigen Kredit zu bekommen. Mayer hält beides für Quatsch. Wobei man sicherlich anmerken muss, dass es in Südeuropa weiter schwer ist, langlaufende Kredite zu bekommen. Und gerade die braucht man für Investitionen.

Entgegen der landläufigen Meinung glaubt Mayer, dass die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) sogar schädlich ist. Denn ohne einen Vergleichszins über null könne man gar keine seriöse Investitionskalkulation mehr aufstellen. „Jede Investition kann plötzlich Sinn ergeben – oder keine“, folgert er.

Es ist wieder das große Stochern der Volkswirte im Nebel. Ein Teil findet es gut, dass die Zentralbank durch Strafzinsen und Anleihekäufe Geld in den Markt drückt. Und sie müsse ja noch viel mehr tun. Die Notenbank als Retter der Zukunft.

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