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18.06.2010 09:00
Rubrik: Märkte

Ex-IWF-Chefvolkswirt Kenneth Rogoff: „Wenn der Euro diese Krise überlebt, wird er daraus sehr viel stärker hervorgehen“

Kenneth Rogoff

Mit Blick auf die Vergangenheit sei die aktuelle Krise nichts Besonderes, meint der ehemalige Chef-Volkswirt des IWF Kenneth Rogoff. Im Gespräch mit „Weitblick“, dem Magazin von LBBW Asset Management erklärt der Harvard-Ökonom, warum er die hohen Staatsverschuldungen für Europa trotzdem für „äußerst gefährlich“ hält und fordert ein Umdenken bei der Schuldenpolitik. Das Interview wurde uns freundlicherweise von LBBW Asset Management zur Verfügung gestellt.

Frage: In Ihrem neuen Buch „Dieses Mal ist alles anders“ behaupten Sie, Finanzkrisen folgten einem Rhythmus von Auf- und Abschwung. Länder, Institutionen und Finanzinstrumente mögen sich geändert haben, doch die Natur des Menschen sei gleich geblieben. Was möchten Sie damit zum Ausdruck bringen?

Kenneth Rogoff:  Was uns beim Schreiben des Buchs am meisten überrascht hat, war, wie ähnlich sich Krisen aus quantitativer Sicht über Zeiträume, Orte, politische Systeme und Institutionen hinweg darstellen, was eigentlich fast keinen Sinn ergibt. Sehen Sie sich Schwellenländer wie Kolumbien oder Korea, aber auch Industriestaaten wie die Vereinigten Staaten, Schweden oder Kanada an. Es ist erstaunlich, welche Ähnlichkeiten gewisse Muster bei Immobilienpreisen, Arbeitslosigkeit oder Aktienkursen aufweisen. Woran kann das liegen? Wie kann das sein, wo diese Länder doch so unterschiedlich sind? Diesen und anderen Fragen sind wir in unserem Buch nachgegangen, wobei uns ein in diesem Umfang einzigartiges Datenmaterial zur Verfügung stand.

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Frage: Welche Lektionen müssen die Verantwortlichen aus dieser Krise lernen, um in Zukunft Ähnliches zu vermeiden? Oder verhält es sich so, dass es Finanzkrisen schon immer gegeben hat und auch künftig weiter geben wird?

Rogoff:
Die wichtigste Lektion lernen wir nicht aus der aktuellen Krise, sondern aus der Vergangenheit. Diese Dinge passieren immer dann, wenn es irgendwo Spitzen gibt – etwa bei der Kreditaufnahme oder bei den Aktienpreisen. Das muss nicht immer heißen, dass daraus eine Krise entsteht, aber es entstehen Kosten daraus. Wir haben diese Krise nicht gebraucht, das ist klar, aber wir haben wieder etwas daraus gelernt. Darüber haben wir in unserem Buch geschrieben. Unser Ansatz soll Politiker und Regulierungsbehörden dazu bringen, sich bewusster mit den Sachverhalten auseinanderzusetzen und zu versuchen, eine Wende herbeizuführen, wie wir sie oft in einer Hausse erlebt haben. Wir hoffen, dass die Leute die Lektion durch unser Buch lernen, und ganz ehrlich: In vieler Hinsicht ist die aktuelle Krise nur eine Variante anderer Krisen, also gar nichts Besonderes.

Frage: Intervenieren Regierungen und Zentralbanken generell zu stark, oder ziehen sie die Notbremse zu spät? Sollten wir nicht besonders von den Zentralbanken eher schrittweise Gegenmaßnahmen erwarten?

Rogoff: Jeder kennt das Problem, dass sich die Wirtschaftwissenschaftler für eine stufenweise Regulierung aussprechen. Wenn alles gut läuft, dann ist es einfach, die Aufsicht zu behalten, aber wenn die Dinge schlecht laufen, wird es schwieriger. Das ist mehr oder weniger das Gegenteil dessen, was getan werden sollte. Und ich weise nochmals darauf hin: Meiner Meinung nach sind sich viele Zentralbanken und Aufsichtsbehörden dessen bewusst, aber wenn eine Hausse lang genug dauert, dann fällt es ihnen sehr schwer, unbeliebte Entscheidungen zu treffen. Politisch befinden sie sich in einer unmöglichen Situation, wenn sie sagen, dass es eine Krise geben könnte. Die Leute wissen nicht, wovon die Rede ist. Und das ist das eigentliche Problem.

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