Italienische Banken „Das Umfeld für Banken in Europa ist schwierig“

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege bei BlackRock

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DAS INVESTMENT: Haben wir tatsächlich eine Bankenkrise in Italien?

Felix Herrmann: Ja, man kann durchaus von einer Krise sprechen. Es befinden sich zwar nicht alle, aber doch einige italienische Finanzinstitute in einer besorgniserregenden Schieflage. Das Ausmaß der gefährdeten Kredite könnte die Existenz dieser Banken bedrohen.

Kann man das Ausmaß beziffern?

Herrmann: Es ist davon auszugehen, dass Kredite in Höhe von 360 Milliarden Euro ausfallgefährdet sind. Einige Experten halten diese Zahl sogar für eine recht konservative Schätzung. Die Summe entspricht rund einem Fünftel aller ausstehenden Kredite in Italien. Damit ist der Anteil der faulen Kredite in Italien so hoch wie in keinem anderen Land in Europa. Interessant in ein Vergleich zu den USA. In der Phase, als es dort zur großen Bankenkrise kam, war der Anteil der notleidenden Kredite bei einem Drittel der heute ausstehenden Kredite Italiens. Das zeigt, wie ernst die Lage in Italien ist.

Warum geht es den italienischen Banken so schlecht?

Herrmann: Anders als in Spanien oder Irland gab es in Italien keine Immobilienkrise. Nur rund ein Viertel der faulen Kredite sind Darlehen an Privathaushalte. Das große Problem der Banken ist vielmehr die sehr lange Rezession in Italien, die zu einem schleichenden Niedergang der Industrie geführt hat. Der Industriesektor spielt in Italien von jeher eine wichtige Rolle und hat aufgrund der schwindenden Wettbewerbsfähigkeit stark gelitten. Gegenüber dem Jahr 2000 ist er um 20 Prozent geschrumpft, während der deutsche Industriesektor um 30 Prozent gewachsen ist.

Die Zahl von 360 Milliarden Euro ist nicht neu. Warum kocht das Thema gerade jetzt hoch?

Herrmann: Dafür gibt es vor allem zwei Gründe. Zum einen steht die Veröffentlichung der Ergebnisse des Bankenstresstests bevor. Zum anderen hat die Brexit-Entscheidung erhebliche Unsicherheit in den Markt gebracht. Unsicherheit erfasst meist zuerst die schwächsten Glieder und dazu zählen zurzeit die Banken in Italien.

Kann die italienische Bankenkrise über die Landesgrenze schwappen, oder ist der europäische Bankensektor stabil?

Herrmann: Ansteckungseffekte sind nicht auszuschließen, aufgrund der internationalen Verflechtungen sogar eher wahrscheinlich. Grundsätzlich ist das Umfeld in Europa für Banken katastrophal, es gibt gleich einen ganzen Cocktail an Problemen: niedrige Zinsen, eine flache Zinskurve, kaum Inflation, wenig Wachstum. Das hohe Maß an Regulierung lähmt die Banken geradezu. Sie sind nicht mehr profitabel, viele befinden sich im Umbruch.

Die Bankaktien handeln im Verhältnis zu ihren Buchwerten zum Teil bei 20 Prozent und weniger. Das zeigt, wie ernst die Lage ist. Wenn jetzt ein Funke aus Italien überspringt und die Probleme in den anderen Ländern noch stärker entfacht, sind die Folgen schwer abzuschätzen. Allerdings haben die Zentralbanken in der Krise einen Lernprozess durchgemacht und dürften jetzt deutlich schneller und aggressiver einer solchen Krise entgegen wirken.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi würde die Banken gern mit Staatsgeldern retten. Aber seit Anfang des Jahres muss im Rahmen der Bankenunion die Bail-in-Regelung beachtet werden. Wie funktioniert die?

Herrmann: Im Falle einer Bankeninsolvenz müssen zur Deckung etwaiger Verluste primär Anteilseigner und Fremdkapitalgeber herangezogen werden. Zunächst einmal in Höhe von mindestens 8 Prozent der Bilanzsumme. Danach springt der Bankenabwicklungsfonds, der Single Resolution Fund, für 5 Prozent der Bilanzsumme ein. Erst dann darf der Staat die Banken rekapitalisieren. Aufgrund der besonderen Situation in Italien möchte Renzi die Banken aber direkt mit Staatsgeldern stützen.

Was ist dort besonders?

Herrmann: In Italien halten sehr viele Privatanleger Bankanleihen. Schon Ende vergangenen Jahres kam es zur einer Bail-in-Bankenabwicklung, bei der die Privatanleger in Haftung genommen wurden. Geschieht dies noch einmal, muss Renzi um seine Popularität fürchten. Wütende Privatanleger könnten ihm beim Referendum zu seiner Senatsreform im Oktober die entscheidenden Stimmen kosten.