Jahresausblick 2016 „Die Zentralbanken haben die Welt übernommen“

Jan Straatman, Global CIO Lombard Odier Investment Managers

Jan Straatman, Global CIO Lombard Odier Investment Managers

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Um diese Zeit vor einem Jahr prognostizierten wir, dass 2015 ein sehr schwieriges Jahr hinsichtlich der Bedingungen für die Wirtschaft und den Kapitalmarkt werden würde. Wir stellten unser Basisszenario unter das Motto „kicking the can forward“, auf Deutsch also „die Probleme weiter aussitzen“.

Wenn wir das Jahr Revue passieren lassen, dann könnten wir argumentieren, dass es das Jahr war, „in dem die Zentralbanken die Welt übernommen haben“. Die Schweizer Zentralbank ließ die Bindung des Franken an den Euro fallen , China erlaubte dem Renminbi abzuwerten und sorgte damit für Aufruhr an den Märkten, und die Fed sorgte bezüglich der Frage, wann und um wie viel sie die Zinsen erhöhen wird, für ein hohes Maß an Angst.

Zudem haben wir gesehen, wie sowohl Aktien als auch Anleihen in den USA zum ersten Mal seit 2008 simultan eine schwache Performance zeigten. War 2015 also ein Jahr außergewöhnlicher Umstände? Oder sollten wir erwarten, dass es so weiter geht? Wir glauben in der Tat, dass die Phase hoher Volatilität und Zyklik an den Kapitalmärkten auch 2016 anhalten dürfte. Wir haben dieses Umfeld „neue Normalität“ (engl. The new normal) getauft und erwarten, dass die Turbulenzen uns noch einige Zeit begleiten werden.

Wie sieht diese „neue Normalität“ aus?

Im neuen Jahr erwarten wir, dass wir uns weiter in einem Umfeld anhaltend niedriger Erträge bei Vermögensanlagen, gedämpfter Inflation in den USA und der Eurozone und einer anhaltenden strukturellen Verlangsamung in China befinden. Dazu kommt eine geopolitische Gemengelage, die sich zur großen Unbekannten in 2016 entwickelt hat.

Vor diesem Hintergrund haben wir einige Schlüsselthemen identifiziert, die unserer Ansicht nach Auslöser von Verwerfungen in der Wirtschaft und an den Kapitalmärkten sein könnten. Diese Themen dürften eine Auswirkung darauf haben, wie wir die Portfolios unserer Investoren in 2016 managen werden. Wir haben sie in zwei Kategorien aufgeteilt. Aus wirtschaftlicher Sicht haben wir sie (auf Englisch) „die fünf Ds“ genannt, auf der Investmentseite (ebenfalls auf Englisch) „die fünf Ls“:

Ökonomische Themen

• Disinflation
• Decoupling (Entkopplung)
• De-leveraging (Entschuldung)
• Differentiation (Differenzierung)
• Political disparity (Politische Ungleichheit)

Investmentthemen

• Low yields (Niedrige Renditen)
• Low risky asset returns (Niedrige Erträge bei Risikoanlagen)
• Lower liquidity (Niedrigere Liquidität)
• Lower certainty (Weniger Sicherheit)
• Lower diversification (Weniger Diversifikation)

Globaler Makro-Ausblick

Basierend auf den “fünf Ds”, haben wir drei wirtschaftliche Szenarien erstellt, die unserem Ausblick auf 2015 nicht unähnlich sind.

1. Wirtschaftliches Basisszenario – „Japanisierung“ Europas und langsamere Abkopplung der USA (Wahrscheinlichkeit: 60 Prozent)

In unserem Basisszenario gehen wir davon aus, dass die Zinsen in Europa auf absehbare Zeit niedrig bleiben (wie in Japan nach der Krise in der 1990ern), die Wirtschaft sich sehr langsam erholt, die Phase der Disinflation anhält und es einen Stop-and-Go-Effekt, ausgelöst durch Quantitative Easing (QE), geben wird. In diesem Szenario erwarten wir, dass die US-Wirtschaft und die US-Märkte ihre Abkopplung viel allmählicher fortsetzen, was wiederum zu einem sehr langsamen Zinserhöhungszyklus führt.

2. Alternatives wirtschaftliches Szenario (Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent)

Dies ist ein sehr positives Szenario, bei dem wir davon ausgehen, dass QE in Europa erfolgreich sein wird. Es führt zu höherer Inflation und ist Antrieb für die Wirtschaft und für eine nachhaltig steigende Nachfrage. Dazu kommen ein fortgesetztes moderates Wachstum in den USA und ein etwas stärker synchronisiertes Verhalten der Geldpolitik in der Welt.

3. Extrem-Risiko (Wahrscheinlichkeit 10 Prozent)

Dieses Szenario beinhaltet einen Zusammenbruch von QE, wobei es um Implementierungsthemen geht, die zu einem erneuten Aufbrechen politischer Gräben führen. Die Bundesbank hat bereits ihre Sichtweise – nicht zum Vorteil von QE – klar gemacht. Sollte das Wachstum gedämpft bleiben und/oder es Schwierigkeiten bei der Umsetzung von QE geben, kann ein scharfer Rückschritt Richtung politischer Polarisierung nicht ausgeschlossen werden.