Japanische Verhältnisse und was wir davon lernen können

Nikolaus Görg

Nikolaus Görg

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Auch wenn die heutige Situation mit Japan vor 20 Jahren nicht vergleichbar ist, so fühlt sich doch vieles nach einer langwierigen Stagnation mit niedrigen Inflationsraten an, mit der wir konfrontiert sein könnten. Was sind die Unterschiede zu damals, wo gibt es Parallelen und weckt der Begriff der japanischen Verhältnisse vielleicht Assoziationen, die mit der Realität in Japan wenig zu tun haben? Und vor allem: welche Schlüsse muss man auf der Investmentseite ziehen?

Viel Negatives wird mit dem Terminus Japanische Verhältnisse gedanklich verbunden: Unterdurchschnittliches Wachstum, Deflation, Hilflosigkeit, verzweifelte Versuche und letztlich Scheitern. Der MSCI Japan liegt dieser Tage (Ende März 2013) noch immer deutlich unter der Hälfte des Hochs von 1989. Der Verdacht liegt nahe, dass Japan nicht nur auf ein verlorenes Jahrzehnt zusteuert, sondern sogar auf eine verlorene Generation.

Dabei kann man den politischen und monetären Autoritäten sicher nicht den Vorwurf machen, handlungsunwillig gewesen zu sein. Und vielleicht ist es gerade dieser Punkt, der so sehr verunsichert: dass trotz beispielloser Bemühungen und Wirtschafts-Stimuli die Entwicklung der letzten beiden Dekaden in Japan – noch bis in die 90er-Jahre oft als Vorzeigevolkswirtschaft angeführt – in dieser Form verlaufen ist.

Eines ist jedenfalls klar: Das Verständnis der japanischen Verhältnisse sowie die richtige Einordnung der derzeitigen Situation ist entscheidend für den langfristigen Anlageerfolg. Denn der historische Vergleich der Anlageklassen über die letzten 20 Jahre in Japan zeigt ein eindeutiges, vielleicht im damaligen Niedrigzinsumfeld nicht unmittelbar intuitives Ergebnis (siehe Abschnitt Investmentimplikationen).

Um Aussagen treffen zu können, ob wir uns in Europa auf japanische Verhältnisse zubewegen oder uns bereits darin befinden, muss man zuerst besagte Verhältnisse definieren. Bei dieser Definition ist man zudem mit dem Problem konfrontiert, dass es sich um einen sehr langen Zeitraum handelt, innerhalb dessen sich eine Reihe von makroökonomischen Ereignissen in unterschiedlichen Ausmaßen abgespielt hat.

Dabei ist nicht immer ganz klar, was tatsächlich Ursache und was Wirkung ist. Die Asienkrise Mitte der 90er-Jahre hat Japan nur wenige Jahre nach dem Platzen der Immobilienblase – und damit zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt – ereilt.

Deflation bringt man immer mit japanischen Verhältnissen in Verbindung, sie wurde allerdings erst ab der Millenniumswende ein strukturelles Thema und ist damit eigentlich ein recht junges japanisches Phänomen. Disinflation – also laufend kleiner werdende Preisanstiege – war hingegen schon seit Krisenbeginn, Anfang der 90er-Jahre, stets zu bemerken (siehe Abbildung 1).

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Auch ist die rein ökonomische Betrachtungsweise natürlich unvollständig. Ben Bernanke selbst – damals noch im Rahmen seiner akademischen Laufbahn an der Princeton University – weist in seiner mittlerweile legendären Kritik an der japanischen Geldpolitik („Japanese Monetary Policy: A self-induced Paralysis?“; Ben Bernanke (1999)) darauf hin, ob nicht sozio-kulturelle Faktoren ebenfalls eine gewichtige Rolle spielen.

„There are questions,…, about whether the Japanese economic model, constrained as it is by the inherent conservatism of a society that places so much value on consensus, is well-equipped to deal with the increasing pace of technological, social and economic change we see in the world today.” (B. Bernanke, 1999)

Folgt man diesem sozio-kulturellen Aspekt, gelangt man unweigerlich zu der Frage, ob die japanischen Verhältnisse denn überhaupt ausschließliches Ergebnis einer vermeintlich erfolglosen Geld- und Fiskalpolitik sind, oder zumindest zum Teil auch Resultat einer bewussten – und damit vielleicht sogar erfolgreichen – Richtungsentscheidung waren.

Denn trotz allem kann man in weiten Teilen der Welt von den niedrigen Arbeitslosenraten (siehe Abbildung 3) und dem hohen Lebensstandard in Japan nur träumen. Keine Frage: die Entwicklung der japanischen Wirtschaftsleistung war über die letzten zwei Dekaden nicht herausragend, aber es gibt starken Anlass zur Vermutung, es hätte auch viel schlimmer kommen können.