Kames Capital „Die Aussichten für das britische Pfund sind im Moment schlecht“

Gareth Gettinby, Investment Analyst im Multi-Asset-Team von Kames Capital

Gareth Gettinby, Investment Analyst im Multi-Asset-Team von Kames Capital

Das Brexit-Votum hat das britische Pfund Sterling (GBP) in die größte Krise der letzten 40 Jahre gestürzt. Sie ist noch schlimmer als die Pfundkrise 1992 und die Bankenkrise 2007/2008 (Chart 1). Das GBP hat Ende 2016 zwar leicht zugelegt, bleibt aber eine der schwächsten Leitwährungen des Jahres.
Sechs Monate nach dem Austritts-Votum der Briten sind die Aussichten für das GBP nach wie vor getrübt: Llegale und politische Unsicherheiten über die künftige Zusammenarbeit zwischen Großbritannien und den verbleibenden 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union (EU) , vor allem in Bezug auf den britischen Zugang zum europäischen Binnenmarkt, halten das Sentiment fest im Griff.  Für das GBP ist von großer Bedeutung, ob es zu einem „harten“ und einem „weichen“ Brexit kommt.

Die Währung erscheint langfristig betrachtet billig, sowohl auf Grundlage des realen effektiven Wechselkurses (REER), der inflationsbereinigt ist, als auch auf Basis des nominalen effektiven Wechselkurses (NEER), jeweils handelsgewichtet (Chart 2). Der REER des GBP liegt trotz der jüngsten moderaten Erholung ungefähr 15 Prozent unter dem langjährigen Durchschnitt seit 1980. Dies allein ist jedoch noch kein ausreichender Grund, an eine mittelfristige Erholung der Währung zu glauben.

Schwere Zeiten für Großbritannien

Das Wirtschaftswachstum Großbritanniens wird wahrscheinlich nicht kräftig genug sein, um die Brexit-bedingten Unsicherheiten aufzuwiegen, die das Wachstum bremsen und das Anlegerinteresse an GBP-Vermögenswerten hemmen.  Für 2017 erwarten Experten einen Rückgang des britischen Wirtschaftswachstums auf 1,1 Prozent (derzeit 2,3 Prozent), bevor es 2018 wieder leicht auf 1,3 Prozent steigen dürfte. Das Dreifachdefizit (Staatsverschuldung, Leistungsbilanzdefizit und Verschuldung der Privathaushalte) wird Abwärtsdruck auf die Währung ausüben.

Großbritanniens Wirtschaft tritt in die späten Phasen des Konjunkturzyklus ein, was sich in sinkender Arbeitslosigkeit und steigender Kapazitätsauslastung äußert. Das dürfte künftig den Inflationsdruck erhöhen, obwohl wir von Kames Capital davon ausgehen, dass die Zinsen für geraume Zeit auf ihrem derzeitigen niedrigen Niveau verharren, da das Wachstum voraussichtlich noch zu schwach ist, um Zinsstraffungen zu rechtfertigen.

Für das GBP deutet vieles auf eine Konsolidierung hin. Wir stehen der Währung angesichts der Wachstumsrisiken, der geringeren Kapitalzuflüsse und der politischen Unsicherheit weiterhin negativ gegenüber. Das Pfund Sterling ist zwar billig, aber noch nicht billig genug, um in Anbetracht der oben erwähnten Risiken Kapital anzuziehen.

US-Dollar im Aufwind

Im Gegensatz dazu rechnen wir mit einem grundsätzlich weiterhin starken US-Dollar. Mittelfristig erwarten wir eine weitere Kräftigung der US-Konjunktur, sobald die Regierung um Präsident Donald Trump bedeutende fiskalpolitische Maßnahmen beschließt. Wir gehen davon aus, dass diese jedoch spärlicher ausfallen als im Wahlkampf angekündigt. Außerdem dürften die US-Anleiherenditen mit Blick auf höhere Inflationserwartungen geringfügig steigen. Der US-Dollar wird sich gegenüber dem Pfund Sterling vermutlich mittelfristig in einer relativ engen Handelsspanne von 10 Cent zwischen 1,20 und 1,30 bewegen – mit zeitweiligen Phasen instabiler Wechselkurse infolge möglicher politischer Entwicklungen in Großbritannien, den USA und Europa.  Mit Vorsicht würden wir jedoch einen Rückgang des Wechselkurses GBP/USD auf unter 1,20 betrachten.

Für den Euro stellt die politische Unsicherheit die größte Sorge dar. Wir sehen zwei mögliche Szenarien, die sich jedoch nur sehr schwer vorhersagen lassen: Erstens einen drastischen Ausverkauf des Wechselkurspaares EUR/GBP, sollten sich die europäischen Wähler populistischen Bewegungen zuwenden; die Risikoprämie für EUR/GBP könnte verschwinden und der Wechselkurs auf Werte um 0,75 sinken.  Zweitens besteht die hohe Wahrscheinlichkeit einer Erholung des Wechselkurspaares EUR/GBP, sollte Großbritannien einer höheren Inflation und der Euro geringerem politischen Gegenwind ausgesetzt sein.