Kommentar aus der Redaktion Die tragische Krise eines guten Stils

Andreas Harms, Redakteur | © Kasper Jensen

Andreas Harms, Redakteur Foto: Kasper Jensen

„Der Gewinn liegt im Einkauf.“ So sinnvoll dieses Wirtschaftsmotto auch ist – der einzige Investmentstil, der dies konsequent umsetzt, steckt seit Jahren in der Krise. Schließlich lautet das Prinzip von Value-Anlegern, im wahrsten Sinne des Wortes nur Aktien zu kaufen, die deutlich unter dem fairen berechneten Wert liegen. Abschläge von 30 Prozent und mehr sind hier Standard. Schnäppchenjagd in Reinkultur.

Doch die Wertentwicklung der einst so gefeierten Strategie bietet derzeit ein Bild des Jammers. Der Acatis Aktien Global UI von Value-Spezi Hendrik Leber liegt auf Sicht von fünf Jahren 30 Prozentpunkte hinter dem Aktienindex MSCI World. Plus 64,8 Prozent für Leber, 94,6 Prozent für den Index (Stand Anfang April 2017). Beim Loys Global von Christoph Bruns und dem Templeton Growth von Norman Boersma sieht es nicht viel besser aus.

Hat Value deshalb ausgedient? Haben die Genannten versagt? Nein. Im Gegenteil. Gerade geht eine Zeit zu Ende, in der es eine lukrative Idee war, einfach die so genannten FANG-Aktien zu kaufen (Facebook, Amazon, Netflix und Google, also Alphabet). Parallel dazu giert die Anlegerwelt nach sogenannten Qualitäts-Aktien, die toll aufgestellt sind und in jeder noch so schwachen Konjunktur wachsen können. Growth-Aktien also, benannt nach dem englischen Wort für Wachstum. Growth-Fonds sind zu Milliarden-Vehikeln angeschwollen, während Value-Fonds mit Geldabflüssen kämpfen. Seit der noch immer in den Knochen steckenden Finanzkrise 2008 geht das so.

Doch jedes Zauberwort wird eines Tags entzaubert, auch „Quality Growth“ wird das passieren. Zwei Zahlen illustrieren das Ausmaß des Problems sehr gut: Der MSCI World Value Index hat derzeit ein Kurs-Buchwert-Verhältnis von 1,7. Man zahlt also im Durchschnitt für 100 Euro Eigenkapital 170 Euro an der Börse. Beim MSCI World Quality Index muss man dagegen für 100 Euro Eigenkapital inzwischen 560 Euro hinblättern. Gepaart mit dem aktuellen Hintergrundgeräusch heißt das, dass die Kurse schlicht zu hoch liegen.

Natürlich ist es schwierig zu sagen, wann sich das wieder einrenkt. Ziemlich sicher ist aber, dass es ein Fehler ist, hier noch hinterherzurennen. Ein Signal könnte sein, dass die Wirtschaft in Europa wieder auf die Beine kommt. Denn dann wenden sich Anleger von krisenresistenten Unternehmen ab und gehen wieder auf günstig zu kriegende Zykliker. Der Wendepunkt könnte 2016 gewesen sein, Value holt bereits auf.

Lassen wir also die Vergangenheit ruhen und gestehen wir auch der Value-Anlage eine Krise zu. Das wird schon wieder. Schließlich ist und bleibt es eine gute Idee, Aktien günstig zu kaufen.