Kontrolliertes Risiko

Der Blick in die Vergangenheit ist oft trügerisch

Der Blick in die Vergangenheit ist oft trügerisch

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Der Optimist sieht eine Gelegenheit in jeder Schwierigkeit, der Pessimist eine Schwierigkeit in jeder Gelegenheit“, lautet ein typisch amerikanisches Sprichwort. „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“, ist ein Lieblingsspruch der Deutschen. Drei Wissenschaftler aus den USA und Polen haben solche Lebensweisheiten jetzt akribisch ausgewertet. Ihre Frage: Lässt sich an ihnen das Anleger-Psychogramm einer ganzen Nation ablesen? Sind Amerikaner durch ihre vom Individualismus geprägte freie Marktwirtschaft risikofreudiger als Deutsche und Chinesen, die von Staat, Gesellschaft und Familie aufgefangen werden?

Das Ergebnis: Tatsächlich ist der Anteil der Sprichwörter, die eher von Risiken als von Chancen sprechen, in Deutschland und China höher als in den USA. Hierzulande raten zwar einige Sinnsprüche dazu, auch mal etwas zu riskieren. Dennoch: Für deutsche Anleger scheinen Empfehlungen wie „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ keine entscheidende Rolle zu spielen. Studien belegen dies auch in schöner Regelmäßigkeit. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Gothaer Asset Management zeigt sogar, dass die Risikobereitschaft der Deutschen aktuell besonders niedrig ist (siehe Grafik unten).

Und nicht nur der Durchschnittsdeutsche scheut das Risiko. Vielmehr ergibt eine jährliche Umfrage von Union Investment unter institutionellen Investoren ein ähnliches Ergebnis. 2012 kletterte der Sicherheitsaspekt auf einen Rekordwert. Für 83 Prozent der Befragten war er entscheidend. Liquidität und Rendite wurden nur noch von 9 und 8 Prozent als wichtigster Aspekt der Anlageentscheidung eingestuft.

Trügerische Sicherheit
Seit Ausbruch der Finanzkrise ist dieser Trend zu verzeichnen. Denn alte Gesetzmäßigkeiten scheinen nicht mehr zu gelten: Bei Staatsanleihen wurde der risikolose Zins vom „zinslosen Risiko“ abgelöst. Und die Flucht der Anleger in die Sicherheit hat die Rendite solcher Papiere unter die Inflation gedrückt. Selbst diese Miniverzinsung ist nur bei Halten bis Fälligkeit einigermaßen gesichert. Die Zinsen sind auf historischen Tiefständen, und bei einer Trendwende am Zinsmarkt können die Anleihen zwischenzeitlich schnell an Wert verlieren (siehe Grafik auf S.2). Der gestiegenen Risikoaversion begegnen viele Asset-Manager mit Strategien, die Verluste vermeiden oder zumindest möglichst gering halten. Zwar partizipieren die Anleger dadurch meist nur eingeschränkt an Kursrallys, dafür müssen sie aber auch keine Verluste mühsam wieder aufholen (siehe Grafik S. 2).