KPMG-Experte über ICOs „Virtuelle Börsengänge sind Chance und Risiko zugleich“

ICOs sollten nicht pauschal verdammt werden, finden Ulrich Keunecke, Partner für Alternative Investments und Versicherungen bei KPMG Law (li.) und Sven Korschinowski, Partner und Finanz-Experte bei der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. | © KPMG

ICOs sollten nicht pauschal verdammt werden, finden Ulrich Keunecke, Partner für Alternative Investments und Versicherungen bei KPMG Law (li.) und Sven Korschinowski, Partner und Finanz-Experte bei der KPMG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Foto: KPMG

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ICOs sachlich betrachten

Die deutsche Finanzaufsicht warnt Anleger vor virtuellen Börsengängen: Initial Coin Offerings (ICOs) können „höchst spekulative Investments“ darstellen, die „erhebliche Risiken“ bergen können. Fakt ist: Dieser kritische Blick auf virtuelle Börsengänge ist durchaus angebracht. Gleichwohl sollte man ICOs unabhängig von der Debatte um Kryptowährungen vor allem sachlich betrachten. Dafür ist es in erster Linie wichtig, die Unterschiede zwischen ICOs und IPOs zu kennen.

Besonders wichtig bei der Regulierung von virtuellen Börsengängen wird es sein, die existierenden Vorteile eines ICO nicht vollständig zunichte zu machen. ICOs können eine schnelle und weniger komplexe Möglichkeit der Kapitalbeschaffung bieten. Dies ist natürlich für kleine und junge Unternehmen besonders interessant. Dabei muss über das einhergehende Risiko Transparenz geschaffen werden, allerdings ohne diesen Weg der Kapitalbeschaffung für eben jene Unternehmen administrativ unattraktiv zu machen.

Prospekt und Pflicht

So wird bemängelt, dass Anbieter von ICOs oft keine regulierten Prospekte herausgeben, was wiederum eine Anfälligkeit für Betrug aufweise. Hier ist zu differenzieren. Ein formaler Prospekt verändert die Betrugsanfälligkeit aus rechtlicher Sicht nicht, auch dieser wird von der Aufsicht nicht auf inhaltliche Richtigkeit und Vollständigkeit überprüft. Im Hinblick auf eine Prospektpflicht ist davon auszugehen, dass für die Ausgabe von Wertpapieren (IPO) und Coins (beziehungsweise Tokens) (ICO) das gleiche Recht angewendet werden kann.

Ein Coin, der materiell als Wertpapier qualifiziert wird, unterliegt auch den entsprechenden rechtlichen und regulatorischen Anforderungen. Sofern ein Coin nicht als Wertpapier erachtet wird, kann er gleichwohl als Vermögensanlage – genauso wie eben eine „Analoge“ – prospektpflichtig sein. Coins oder Token, die nach diesen Kriterien nicht prospektpflichtig sind, würden auch „analog“ keinen Prospekt benötigen.

Wie bei jeder Geldanlage muss der Anleger die Bonität, Identität und Seriosität des Anbieters jeder Kapitalanlage – IPOs wie ICOs – ganz alleine einschätzen. Ein umfassendes Regelwerk für Wertpapiere, IPOs und Vermögensanlagen existiert. Es gilt nun, diese Regeln auch auf ICOs, Coins und Tokens anzuwenden. An den Stellen, an denen sich Zweifel über die Anwendbarkeit des bestehenden Regelwerks auftun, ist die Aufsicht gefragt: Sie muss entsprechende Anwendungs- und Auslegungsvorgaben des geltenden Rechts herausgeben.

"Der Markt ruft nach Handlung"

Sofern danach noch offene Fragen verbleiben, ist der Gesetzgeber aufgerufen, das bestehende Regelwerk zu vervollständigen. Klare Worte der Aufsicht sind hilfreich für den Markt – sowohl für die ICO-Emittenten, als auch für die Anleger.

Fest steht: Der Markt ruft nach Handlung. Die Art der anwendbaren Regulierung eines ICO als virtuelle und neuartige Form der Kapitalbeschaffung durch die Ausgabe von Tokens, hängt dabei also vom Einzelfall ab. Es kommt darauf an, was der Token darstellt: Ob er beispielsweise als eine Art „Treibstoff“ für Aktionen in einem Netzwerk (Utility Token), als Besitzrecht eines Realwertes (Asset Token), als Währung (Currency Token), oder als Besitzanteil etwa eines Unternehmens (Equity Token) fungiert. Dementsprechend wäre es auch sinnvoll, auch die Ausgabe von Tokens mit einer bestimmten Funktion einer Art schlanken Prospektpflicht zu unterstellen, um dem Anleger ein formalisiertes Informationsdokument an die Hand zu geben.

Aufsichtsbehörden und Politiker müssen sich mit der Bitcoin- und vor allem der ICO-Technologie auseinandersetzen und sie verstehen. Nur aus einem Verständnis der Technologie können Anbieter, Behörden und Investoren dann auch die richtigen Entscheidungen treffen.