Krautzbergers Kosmos Die Zinsen könnten auf Jahre niedrig bleiben

Michael Krautzberger, Leiter des europäischen Anleihen-Teams bei BlackRock

Michael Krautzberger, Leiter des europäischen Anleihen-Teams bei BlackRock

// //

Vieles spricht dafür, dass der erwartete Zinsanstieg langsamer vonstattengeht als in früheren Zyklen. Zudem ist es durchaus möglich, dass das Zinsniveau am Ende des erwarteten Anstieges noch immer niedriger liegen wird als früher üblich.

Für eine solche Entwicklung sprechen zum einen das verhaltene Wirtschaftswachstum und die äußerst geringe Inflation. Die langfristigen Zinsen tendieren dazu, mit dem nominalen Wirtschaftswachstum zu korrelieren. Das nominale Wirtschaftswachstum verharrt jedoch seit dem Jahr 2000 unter dem langfristigen Trend. Gründe dafür dürften sein, dass die arbeitende Bevölkerung angesichts der demographischen Entwicklung langsamer wächst und daher die Produktivität abnimmt. Diese Treiber dürften in den kommenden Jahren intakt bleiben.

Die demographischen Veränderungen wirken sich noch anderweitig aus: Ältere Menschen nehmen in der Regel weniger Kredite auf und bevorzugen bei ihren Investitionen Anleihen. Dies bewirkt, dass das Angebot an Fixed-Income-Instrumenten abnimmt und die Nachfrage nach solchen Produkten steigt. In der Folge dürfte der Druck auf die Zinsen zunehmen. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage verändert sich auch vor dem Hintergrund, dass private Konsumentenkredite sowohl in den USA als auch in Europa weiterhin deutlich unterhalb des Vorkrisen-Niveaus liegen.

Als weiterer Faktor kommt der technologische Fortschritt hinzu. Der zunehmende Einsatz automatisierter Prozesse schränkt das Wachstum des Arbeitsmarktes ein. Infolge dessen dürften auch die Gehälter weniger stark steigen, als es früher üblich war. Dies könnte die Inflation und damit auch den Zinsanstieg gegenüber früheren Phasen deckeln.

Die genannten Faktoren sprechen dafür, dass die Zinsen bis zum Ende dieses Jahrzehnts niedrig bleiben dürften. Wir erwarten, dass das Ende der Fahnenstange in den USA bei drei Prozent erreicht sein könnte – im Gegensatz zu den vier Prozent, die seit den 1990er Jahren üblich gewesen sind. In Europa wo wir Zinserhöhungen erst in einigen Jahren erwarten, dürfte das obere Ende noch deutlich niedriger liegen. Für Investoren bedeutet dies, dass es von Vorteil wäre, weiterhin alternative Ertragsquellen zu suchen – seien es Hochzins- und Schwellenländeranleihen, Relative-Value- und Optionsstrategien oder Dividendenerträge. Dazu gehört auch die Bereitschaft, Risikobudgets zu überdenken.